Er hätte es nicht tun sollen. Schon gar nicht am Blauen Wittelsbacher. Finger weg! lautete von 1666 bis 2009 das heilige Gebot. 2010 kam es zum Gesetzesbruch. Ein Fehler, ein unheilvoller Fehler: Der Blaue Wittelsbacher wurde verschliffen, büßte 4 Karat und seine ganze Aura ein.
Knapp 19 Millionen Euro zahlte Lawrance Graff, ein milliardenschwerer Londoner Juwelier, 2008 für diesen Diamanten. Gemessen am Gewicht der teuerste Schatz der Welt. Ab in den Tresor oder hinter schusssicheres Glas – das hätte man erwartet, und viele hatten sich´s gewünscht. Doch Graff hatte andere Pläne, er wollte zum Autor, zum Werkvollender aufsteigen. Und so legte er Hand an, schliff und polierte sich in einschlägigen Kreisen um seinen guten Ruf, bis der Diamant flacher und etwas bläulicher als der neue ´Wittelsbacher-Graff´ der Öffentlichkeit präsentiert wurde.
Das war schlicht zu viel des Guten. Der Fachwelt platzte der Kragen, viele schimpften über diesen mineralistischen „Vandalismus“, andere verglichen ihn mit einem „Lutschbonbon“ und empörten sich über die „zerstörte Aura“. „Die Geschichte wird ihm nicht Recht geben“, polterte etwa der Münchner Schmuckhändler Rudolf Biehler trotzig und erinnerte sich an seinen Großvater, der – selbst schon Geschichte – diese unschätzbare Kohlenstoffmodifikation noch leibhaftig in Händen halten durfte.
Ein Diamant verspricht Ewigkeit. Etymologisch leitet er sich aus adámas ab – kurzum, ein Diamant ist unbezwingbar, unveränderbar, ein Original. Dass nun ausgerechnet der Blaue Wittelsbacher in offenbar schmerzhafter Weise abgewetzt wurde, verleitete den Präsidenten des Deutschen Historischen Museums Berlin, Hans Ottomeyer, zum Äußersten: Schließlich würde man die Mona Lisa ja auch nur ungern umpinseln lassen! Nun sei eben auch noch der Blaue Wittelsbacher „endgültig im Feld des ´capital investments´ angekommen“.
Ottomeyers Reaktion birgt symptomatisches Potenzial – immerhin bekam er den Diamanten ebenso wie die meisten Menschen nie zu Gesicht. Tatsächlich scheinen nur solche Personengruppen mit Entsetzen zu reagieren, die aus keinem direkten Erfahrungswissen heraus die Unterschiede zwischen seiner Vorher- und Nachher-Form zu beurteilen vermögen. Sie motiviert also keine Qualitätsabwägung, sondern ein ästhetisches Wertverständnis, das Graff verfeilt und zerkratzt zu haben scheint.
Besonders deutlich wird dies in begrifflichen Unschärfen. Wer nicht aus Anschauung zu Abwägungen gelangen kann, sondern auf Zweitverwertungen angewiesen ist, flüchtet allzu gerne in spekulative Vieldeutigkeiten und sucht das große Ganze im vermeintlich Kleinen. Zwar werden die nun „vernichteten indischen Schleiftechniken“ diskutiert, die Verwirtschaftlichungen des ideellen Guts angemahnt und einzelne Besitzerstationen des Diamanten mitunter kontrovers ins Feld geführt. Doch auf den Topos einer verschandelten Aura scheint man sich chorisch eingeschworen zu haben.
Dabei wäre eine entgegensetzte Lesart durchaus plausibel, ja ungleich naheliegender: Erscheint der Diamant in seiner neuen Form nicht ausgefeilter, detailreicher und farbintensiver? Entfacht er nicht mehr Feuer und ein verspielteres Funkenglitzern als in seinem bisherigen Zustand? Es sollte zu überlegen sein, ob Graff seine Nachbearbeitung womöglich über den Diamanten hinausdachte – und ihm einen ästhetischen Mehrwert verlieh, der sich in sein eigenes Abbild hinausverlängern lässt. Somit hätte Graff begonnen, eine bisher schlummernde Wirkungskraft freizupolieren. Keine Abwertung, sondern eine nochmalige Aufwertung des Blauen Wittelsbachers wäre die Folge!
Abbildungen: copyright bei Christies und Courtesy of Graff, siehe hier.
Weitere Informationen: Hannes Hintermeier, Die Abschaffung der Ewigkeit, auf: FAZ-online, siehe hier.
Der Klimawandel hat ein Problem: Er ist nicht bildfähig. Tatsächlich gibt es kein einziges Bild, das eine von Menschen verursachte Erderwärmung beweisen könnte. Das ist ein schwerwiegender Nachteil für alle Umweltschützer, Nachhaltigkeitsfetischisten und Ökologieverteidiger. In einer Zeit, in der Bilder das höchste Authentizitätsversprechen tragen, sind vermeintlich dringlichste Anliegen visuell nicht zu belegen. Das führt einerseits zum Glaubwürdigkeitsverlust – erscheinen doch die vorgetragenen, aber unsichtbaren Diagnosen in einer bild- und mediengeprägten Gesellschaft vielen als verschwörerische Theorien. Andererseits entstehen aus dieser kommunikativen Notlage groteske Übersprungs- und Ersatzhandlungen: Es werden nämlich Bilder in Umlauf gebracht, die schlicht nichts zeigen, und doch alles freilegen sollen.
Der Eisbär etwa ist solch ein Verlegenheitsbild. Mittlerweile treiben so viele angeblich schwitzende Exemplare auf Miniaturschollen durch den Medienäther, dass man sich aufgrund ihrer Anzahl eigentlich keine Sorgen mehr um sie machen muss. Im Gegenteil: Wer die Ökonomie der Aufmerksamkeit derart auf sich bündelt, hat seinen Bildbestand auf Ewigkeit gesichert und darf mit vielfachen Hilfeleistungen rechnen. Der Eisbär ist der unbestrittene Gewinner des Klimawandels.
Ein anderes Beispiel: der rauchende Schlot. In den Augen vieler ist er der definitive Anti-Öko-Pimmel, ein pornografisch aufgerichtetes Glied, das permanent das Naturverbrechen ausstößt. Doch der Schlot teilt mit dem Schmuddelgemächt ein unauflösbares Dilemma: Ins Bild gesetzt bleiben beide in spürbarer Ferne. Nur die Klageschrift des guten Gewissens wird in ihnen Verfallsbeschleuniger entdecken können.
Viele erkennen diesen Zwiespalt – und flüchten in symbolische Überhöhungen. Brennende Erdkugeln, ein verkohlter Globus, dramatisch eingefärbte Diagramme oder in der Wüste umherstapfende Pinguine verraten, dass die Bildverlegenheit zwangsläufig in die Sackgasse des Trashs führt. Wieder andere versuchen zu schocken, zeigen also katastrophale Szenen und versehrte Körper. Doch wer mit verbrannten Tierkadavern und verschmutzten Tümpeln ernsthaft die fatale Auswirkung des großen Ganzen auf das schutzlos Kleine nachweisen will, steht dem Moralterror ungleich näher als der guten Tat.
In den Bildern der anmahnenden Klimaschützer äußert sich die Ungewissheit ihrer Anliegen. Regelmäßig wird auf die Unsichtbarkeit des Wandels verwiesen und an die Stelle visueller Nachweisstrategien ein ausgeprägter Wissenschaftsglaube gesetzt. Was Bilder nicht zu belegen vermögen, sollen Studien, Erhebungen und Messverfahren renommierter Institute aufwiegen. Dass sich jedoch selbst Fachkreise alles andere als einig über die Diagnosen zeigen, bringt den Umweltaktivisten in zusätzliche Nöte. Er sieht sich im Hinblick auf kommende Weltklimagipfel - auf die sich sein ganzes Handeln fokussiert - gezwungen, die Maßnahmen weiter zu verschärfen, den Befund zu radikalisieren und damit: das Weltende apokalyptisch zu prognostizieren.
Tatsächlich erlebte der aus dem Weltraum fotografierte Erdball in den letzten Wochen eine erstaunliche Bildkarriere. Nichts ist auf, an oder mit ihm zu identifizieren, doch alles soll aus diesem Bild sprechen: Wie eine phantomhafte Kraft zersetze das Menschenwerk diesen Körper, der zwar noch blutjung und quickfidel anzumuten scheint, in Wahrheit jedoch dem Tod ins Auge blickt.
Mit der Bildlosigkeit des Klimawandels schlägt die große Stunde des digitalen Kitschs. Formelhaft werden die Anliegen der Kritiker in Bilder gegossen und durch ein Moralschleifchen erotisiert – mit ästhetischen Gefälligkeiten sollen Umdenkanreize stimuliert werden. Das Problem: Heute erfährt der Kitsch meist nur noch eine ironische Rezeption: Ein Hirschgeweih schafft zwar eine komische Distanz, längst aber keine Identität mehr. Dass sich allerdings die meisten Spitzenpolitiker zur Ironiefreiheit bekennen müssen, suggeriert vielen Klimaschützern die einmalige Chance. Die Aura der großen Möglichkeit überblendet ihre eigene Verlegenheit.
Gute Nachricht für alle Selfdesigner: Die Billigfluglinie Finnair belohnt ihre treuesten Kunden mit einer Schönheits-OP. Tatsächlich können ab sofort Punkte gesammelt werden – für den Bonus-Busen müssen allerdings 3.180.000, für ein Gesichtsmeißeln sogar 4.640.000 von ihnen angespart werden. Wer die Prämiengrenze erreicht, darf angeblich mit Finnlands bekanntestem Körperplastiker rechnen: Rolf Nordström will dann Hand am Vielflieger anlegen und ihn auf eine Zeitreise ins Früher schicken. Das Flugticket als Eintrittskarte ins Reich ästhetischer Veredelung – ist das nicht ein verzweifelter Versuch ratloser Flugunternehmer?
Keineswegs, im Gegenteil: Der Marketingclou scheint höchst konsequent, greift er doch auf eine bereits gesetzte Strategie der Fiktionalisierung zurück. Seit Jahren steht die Flugbranche im Verdacht, die Emission der Treibhausgase überproportional zu bedienen und damit ein wesentlicher Generator eines möglichen Klimawandels zu sein. Viele Fluganbieter wendeten den Vorwurf in ein Versprechen der Nachhaltigkeit: Vielfliegern – und damit potenziellen Naturschändern – wird ein Bonusprogramm in Aussicht gestellt, mit dem das Vergehen am Weltkörper durch eine gute Handlung aufgewogen werden kann. Mittlerweile offerieren fast alle großen Airlines einen modernen Ablasshandel: Je nach Gepäckgröße und Flugkilometern kann das angehäufte Punktekonto gespendet und damit etwa Aufforstprojekte im Regenwald und andere natürliche Ressourcensicherungen unterstützt werden.
Doch was vielen abstrakt und zu indirekt erscheint und schnell als billige Gewissenserleichterung entschlüsselt wird, konkretisiert sich mit dem Versprechen auf die eigene Gestaltung ungleich zielgerichteter. Zwar sind auch hier riesige Strecken zu bewältigen (wage Schätzungen gehen davon aus, dass eine expandierende Brustrestauration gut 400 Economy-Flüge von Helsinki nach Hongkong erfordert) – dennoch wird eine direkte Rückkopplungsoption zwischen der angetretenen Reise und einem körperlichen Perfektibilitätswunsch in Aussicht gestellt.
Finnair macht einsichtig, dass zwischen einer Reise und einer Faltenstraffung keine fundamentalen Unterschiede liegen müssen: Wo viele mit der Ferne eine Abstandgewinnung vom Alltag und damit ein Zurücklassen von Durchschnittlichkeit verbinden, gestattet die ästhetische Chirurgie die Erfüllung ähnlicher Sehnsüchte. Wer sich unters Messer legt, macht schließlich Urlaub vom gewöhnlichen Alterungs- und Verfallsprozess. Zwar nicht die Schändung der Natur, immerhin aber ein vernachlässigtes Körperbewusstsein kann somit in Teilen aufgefangen werden.
Die Kombination aus Flugangebot und OP-Finanzierung scheint folglich zwei wesentliche Grundbedürfnisse der westlichen Wohlstandsgesellschaft zu umklammern: Einerseits sind Wünsche nach einer örtlichen Ungebundenheit, nach einer Aufhebung lokaler Fixierungen rasch und kostengünstig zu erfüllen. Andererseits wird die Hoffnung geweckt, damit nun auch auf der Zeitachse in andere Gefilde vorzustoßen und mittlerweile entlegene Stadien zurückzuerobern. Wer wie fünfzig aussieht, sich aber wie dreißig fühlt, wird beim Start seiner Finnair-Maschine fortan in gleich zweifacher Weise den Aufbruch in eine Ferne genießen können.
Es ist die wohl meistgebrauchte Gebärde der politischen Repräsentation: Wer auch immer eine Führungsrolle beansprucht, neue Themen- und Verhandlungsgebiete erschließen und generell Innovationskraft signalisieren will, deutet in Richtung Zukunft. Er bedient sich dann einer Geste, von der er sicher sein kann, dass sie in einen Raum außerhalb des Bildes hineinstößt und damit zu einem Bereich vordringt, der zwangsläufig unbestimmt bleibt – sich aber gerade dadurch zur Vieldeutigkeit aufwerten lässt.
Tatsächlich kann die richtungsweisende Geste, wie sie uns vor allem während und nach Wahlkämpfen vermehrt begegnet, auf eine beachtliche Bildgeschichte zurückblicken – wenngleich ihr dabei zwei konstituierende Elemente wegbrachen: Merkel und Westerwelle stehen weder Pferd noch Himmel zur Verfügung, um dem ausgestreckten Arm zur durchschlagenden Wirkungskraft zu verhelfen. Napoleon hingegen durfte noch beneidenswert lässig mit der Linken das wild aufbäumende Pferd in die Levade bändigen und mit der Rechten den Ritt nach ganz oben anzeigen. Auch Graf Olivares wurde von Velázquez in dynamischer Startenergie porträtiert, wobei er das Zepter auf einen Punkt im noch gewitterverhangenen Himmel richtete, der gleich dem Reiter bereits einen Aufbruch markiert.
Und dennoch wirkt der Augenblick, in dem der Wille zur Marschroutenvorgabe eine körpersprachliche Andeutung erfährt, heute nicht veraltet, im Gegenteil: Es ist eine der wenigen Gesten der Politiker, die sowohl in bewegten als auch in statischen Bildern eine Plausibilität entfalten kann. Mutet etwa das Winken ins Publikum nach gehaltenen Reden auf Parteitagen oder Wahlveranstaltungen häufig bemüht und hektisch an, so findet der politische Körper in der Richtungsanweisung eine offenbar angemessene nichtsprachliche Ausdrucksform. Merkels fingerakrobatische Pyramidenbildung in Bauchnabelhöhe bleibt dagegen ebenfalls meist indefinit – hier scheint es, als habe man aus der Not eine Tugend gemacht und eine ständig wiederkehrende Verlegenheitsgeste zum Corporate Design der Bundeskanzlerin ummünzen wollen.
Wer jedoch beim Gang zu wartenden Journalisten oder Verhandlungsräumen die Richtung weist, bedient sich einer Gebärde, die sowohl eine szenische Evidenz als auch ein bildinszenatorisches Surplus besitzt. Ob in einer Fotografie fixiert oder für einen Nachrichtenbeitrag gefilmt, stets lässt sich ihre denotative um eine konnotative Ebene erweitern, das Tatsächliche um ein Mögliches anreichen.
Horst Seehofer musste in dieser Situation abermals eine schwere Schlappe einstecken. Während sich seine Begleiter überraschend einig über den kommenden Kursverlauf präsentierten, blieb ihm nur das artige Mitlaufen. Sein leicht erzwungenes Lächeln mag bezeugen, dass ihm dieser Marsch so gar nicht passt. Horst Seehofer fühlt sich wohl gerade wie eine jener Hintergrund- und Randfiguren, die Napoleon bei seiner Alpenüberquerung folgten und die Bürden des Gepäcks zu schleppen hatten. Wer aus Bayern 42 Prozent einfährt, muss also froh sein, noch ein paar rhetorische Geschütze beisteuern zu dürfen – Königin und Königinnenmacher hätten dagegen wohl kaum Probleme, selbst zu zweit das Koalitionsross in die gewünschte Richtung zu lenken.
Bildquellen: 1, Horst Seehofer, Angela Merkel und Guido Westerwelle, aus: Welt online, siehe hier; 2, Jacques-Louis David, “Napoleons Alpenüberquerung”, 1802, siehe hier; 3, Diego Velázquez, “Reiterbildnis des Grafen Olivares”, ca. 1633, siehe hier.
Vgl. außerdem zum Thema: Simon Bieling, “Politporträts in Serie”, siehe hier.
Aus dem Radio dudelt der belgische Sänger Milow: „ You don´t know, you don´t know / You don´t know anything about me“. Eine grüne Kleinfamilie aus dem Allgäu ruckelt mit dem Autozug nach Sylt. Man weiß: Nichts eignet sich zum Kennenlernen besser als die mitgenommene Digicam: „Ich seh´ Wasser!“, quäkt es umwelteuphorisch vom Fahrersitz – und auf der Rückbank jauchzt die Claudia verzückt „Toll, ist das schön!“. Mit Sicherheit hat sie für alle was zum Knabbern dabei und wollte zu Fahrtbeginn mit spontaner Ironie ein gutes Klima schaffen: „Wie lang dauert´s noch? Ich hab´ Durst!“.
Die Reise der Grünen ins Web 2.0 begann bereits vor Monaten. Die Europa- und Kommunalwahl stand vor der Tür, als sich der Parteivorsitzende Cem Özdemir zwischen abgestellten Loks und kreischenden Bremsen zu Wort meldete: „Uuund Klabbe: Hallo, hier isch de Dschäm, i stand grad am Boh´hof in Münschder. Do hinde fährd de Zug, wie ihr sähet“. Seither duzt man über „Kanal Grün“ alles und jeden. Kürzlich war der Cem in der Wilhelma. Zunächst wurde multikulturell und transkontinental elefantelt, ehe man einem solchen Dickhäuter genüsslich die kalte Dusche verpasste. Ein Verdacht keimt auf: Sind die Grünen etwa noch immer vom alten CDU-Feindbild angetrieben? Jedenfalls ist der Cem „wie damals als Kind“ auch heute wieder mit seinen Eltern und „ein paar grünen Freunden“ hier, um einfach mal „in Kindheitserinnerungen zu schwelgen“. Noch drei Tage zuvor war der „Cem beim VfB“ und die mitgeschleifte Brigitte stammelte - wohl angesichts der mageren schwäbischen Torausbeute - ein verlegenes„Schade!“.
Der YouTube-Auftritt der Grünen im Gardena-Design unterscheidet sich fundamental von allen anderen auf der Plattform repräsentierten Parteien. Über weite Strecken setzt man konsequent auf die Charmegeneratoren Spontaneität, Spaß an der Sache und Zufälligkeit, hält abseits des großen Treibens die kleinen Momente fest und offeriert den Blick hinter die Kulissen als Teilhabe an einer Politik der entspannten Begegnungen zwischen hier und da. Stets wackelt und raschelt die Kamera mit, wenn etwa Claudia beim Kreisverband Würzburger Grüne die lustige Bündnismoderatorin gibt - “Äh, jetzt müsst ihr noch was sagen…” - oder Cem für “unsere türkischen Freunde” den Migrationsjoker ausspielt.
Gegenüber den Spitzenkandidaten Renate Künast und Jürgen Trittin wird hingegen ein distanzierteres – geradezu konservativeres – Inszenierungsverhältnis gepflegt: Ihre Auftritte beschränken sich auf Mitschnitte gehaltener Reden und eigens geführte Kurzinterviews. Sie liefern knappe inhaltliche Positionsbestimmungen, setzen politische Fluchtpunkte und zielen mit kompakten Statements auf den politischen Gegner. Getrennt in unterschiedlichen Playlisten kann so das repräsentative Spektrum der Partei entfaltet, ihre Heterogenität als die eigentliche Identität offeriert und die Basis mit der Führung, die Bürgernähe mit dem Machtanspruch, die Reiselust mit dem Oppositionsernst koaliert werden.
Auch wenn die Grünen, gemessen an sonst üblichen Zugriffzahlen auf erfolgreiche Videos, ebenfalls unter weitestgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit ihren YouTube-Auftritt gestalten, öffnen sie die politische Bildkultur zur Selbstironie. Verschiedenste Ausdrucksformen – bis hin zu parodistischen oder comicästhetischen Beiträgen – werden im Duktus des Einmal-Ausprobierens in raschen Abständen veröffentlicht, um damit ein möglichst vielgliedriges, dynamisches und handlungsagiles Wirken zu bekunden. Wo die Christdemokraten ein konservatives, fernsehmedial adaptiertes und damit altbewährtes Konzept anwenden, suchen die Grünen nach der Aura der Avantgarde, nach einem Bruch mit dem Herkömmlichen und versprechen das durchaus grundsätzlich Andere. So wird einsichtig, dass die Parteien entgegen vielfach geäußerter Annahmen verstehen, die jeweiligen Weltbilder in ein bild- und medienästhetisches Ausdrucksrepertoire zu überführen. Vor allem scheint jeweils in ihre YouTube-Präsentation eine überzeugend abgestimmte Deckungsgleichheit von Anspruch und Umsetzung, eine Kongruenz von Inhalt und Form eingeschrieben zu sein.
Warum die FDP weniger Staat im Tonfall der Seifenoper zu begründen sucht, wird Thema des kommenden Parteienchecks sein.
Bildquelle 1: Claudia Roth auf Wahlkampftour - Autoreisezug nach Sylt, siehe hier.
Einst wich der amerikanische Schriftsteller Ralph Waldo Emerson erschreckt vor seinen verehrten Autoren mit dem Ausruf zurück: „The originals are not originals.“ (Emerson, 1909, S. 172) Ein gleiches Schicksal ereilt heute diejenigen Bildtheoretiker, die sich zeitgenössischen Bildphänomenen näher widmen und doch auf das singuläre und seltene Bild pochen. Mit steigender Häufigkeit sind wir mit Bildphänomenen konfrontiert, die nicht zu verstehen sind, wenn nicht beachtet wird, auf welche Art, sie auf bereits existierende Bilder zurückgreifen. Sie lassen den Originalstatus zur Nebensache werden.
Ganze Teilbereiche umfassender Bildwelten stützen sich auf solche Formen rein visueller Bildkommentierung. Sportcomputerspiele etwa beruhen nicht auf dem Prinzip der Simulation, sondern vielmehr darauf, Bild-Darstellungen des Fernsehens unter veränderten Bedingungen am Computer noch einmal zugänglich zu machen. Die Spiele, die sich mit Fußball, Eishockey, Basketball oder Tennis befassen, messen sich nicht daran, ob sie etwa das Spielgeschehen gut nachvollziehen können. Die Spielsoftwares verschiedener Unternehmen konkurrieren eher darum, wie weit es ihnen gelingt, die ästhetischen Merkmale seiner Darstellung im Fernsehbild dem Zugriff per Gamepad auf besonders interessante Weise zu öffnen (vgl. etwa diesen Vergleich zwischen zwei Produkten). Erfolg wird dabei häufig mit dem Begriff des höheren Realismus beschrieben. Darunter versteht man den Grad ihrer Annäherung an das Fernsehbild. Die vermeintliche bildnerische Bescheidenheit vollzieht sich also nicht ohne Ehrgeiz. Gefordert ist, Darstellungsformen einer Liveberichterstattung möglichst nah zu kommen.
Aus diesem Grund sind Sportspiele dieser Art einer spezifischen ästhetischen Mentalität zuzuordnen. Sie repräsentieren einen Bildkonservativismus. Ihre Bescheidenheit gegenüber dem Fernsehbild und der entsprechende Umgang mit Möglichkeiten der Bildgestaltung entspricht der Definition des Konservativismus des Philosophen Michael Oakeshotts. Demnach haben Konservative eine Präferenz für das Bestehende: „Sie konzentrieren sich auf die Neigung, das, was verfügbar ist, zu nutzen und sich dessen zu erfreuen und weniger darauf sich nach etwas anderem zu sehnen oder danach zu suchen.“ (Oakeshott, 1962, S. 168) Und genau in diesem Sinne entwerfen Sportspiele keine phantasiegesättigte Fiktionswelten, die neue Bildmöglichkeiten erschließen; vielmehr begnügen sie sich mit der möglichst weitgehenden Annäherung an bereits vorliegende Bildformen.
Doch hat dieser Bildkonservatisimus seinen Zweck und beschränkt sich nicht auf bloße technische Reproduktion. Der Reiz für den Spieler besteht sicher darin, den Eindruck zu erhalten, auf dem eigenen Computer- oder Fernsehbildschirm reales Spielgeschehen verfolgen zu können. Zugleich jedoch hat er ihr im Gegensatz zur ‘echten’ Liveübertragung die Möglichkeit, das Bild mit dem Gamepad beeinflussen zu können. Das sekundäre Bild der verehrten Sportler gehört zum Bereich seiner Macht; das primäre Bild im Fernsehen entzieht sich dagegen seiner Kontrolle. Die Chance, mit eigenen Mitteln den Bildauftritt des Stars nach eigenen Interessen zu gestalten, wird dabei dennoch, nicht zwangsläufig – wie von vielen erhofft – zur Emanzipation genutzt. So nimmt das hier gezeigte Video der CudCrew den strukturellen Bildkonservatismus des Computerspiels unmittelbar auf. Der auf YouTube in Bildtrophäen stolz präsentierte Triumph stützt sich darauf, spektakulären Torerfolgen einiger Stars der amerikanischen Eishockeyliga NHL besonders nahe zu kommen. Die Crew zieht es vor, ihre Virtuosität mit dem Gamepad umzugehen, in der Nachahmung bestehender Bilder unter Beweis zu stellen. Neuartige Bild-Möglichkeiten zu entwerfen, liegt außerhalb ihrer Ziele. Ihr spielerischer Wettbewerb verstärkt noch die Merkmale des Bild-Konservativismus, die in den Spielen zu finden sind. Die Crew nutzt sie zu einem Wettbewerb darüber, wer das Lob des Bestehenden mit höchster Nachahmungsfähigkeit zu realisieren weiß.
Mehr Informationen:
Über Ralph Waldo Emerson: siehe hier, hier und hier.
Über Michael Oakeshott: siehe hier.
Ralph Waldo Emerson, “Quotation and Originality,” in: ders. The Works of Emerson (vol. 8). Letters and Social Aims. Boston, 1909, S. 167-194, hier.
Michael Oakeshott, “On being Conservative,” in: ders. Rationalism in Politics, Boston, 1962, S. 168-196, hier und der Aufsatz in voller Länge, hier.
Angela Merkel träumt. Für Augenblicke ist das okay. Vom Bundeskanzleramt schweift ihr Blick hinaus. Erinnerungen an die Zeit davor werden wach, innere Bilder ziehen vorbei. Sie sei nicht als Kanzlerin geboren worden, erfahren wir. Aber dann kam die Wende. Beim Frisurenthema huscht ein verlegenes Lächeln über das Gesicht der Regierungschefin. Ach, waren das noch Zeiten. Damals. Doch die Tagespolitik mahnt, das Schwelgen endet mit dem verzückten Hosenanzug-Hüpfer neben Kaiser Franz bei der WM 2006. Das war ihr eigentlicher Durchbruch und der Sprung auf Platz 1 der beliebtesten Politiker.
Die Christdemokraten wollen für den Wahlkampf ins Web 2.0 – und gehen inszenatorisch doch daran vorbei: CDU.tv heißt der eigens eröffnete YouTube-Kanal und beschreibt damit programmatisch, um was es geht: Um Fernsehen im Internet, um Bewegbild im TV-Format, das nun für jedermann zu jeder Zeit verfügbar sein soll. Man führt Interviews, schaltet Berichte, gibt Einblicke in kürzlich abgehaltene Wahlkampfauftritte, dokumentiert die Einweihng von Deutschlands größtem Wahlplakat, macht also all das, was das Fernsehen schon lange kann und das Web 2.0 eigentlich zu erweitern suchte. Dabei fällt die Omnipräsenz des Generalsekretärs Ronald Pofalla besonders auf, den man offenbar für ausnehmend gewitzt im Umgang mit den Medien hält. Auffallend aber auch die Absenz der Kanzlerin – länger als einige Werbespots, die bereits für das Fernsehen produziert wurden, ist sie nicht zu sehen. Das passt zu der gewählten Gesamtstrategie, die darauf abzielt, die Autorität ihrer Macht nicht durch lästige Nahgefechte in Fußvolkhöhe beschneiden zu müssen. Wahlgeplänkel übernimmt die Leibgarde aus der Fraktion. Auf den Flickr-Seiten der einzelnen CDU-Landesverbände ist Merkel hingegen die meist abgebildete Person: Stolz sind die CDU-Ministerpräsidenten, gleich mehrere Bildchen von sich und der Chefin hochladen zu können. Die Riege der häufig als aufmüpfig und destabilisierend beschriebenen Landesvorsitzenden ordnet sich artig unter. Sie erscheinen als christdemokratische Role-Models, die für einen Kurzbesuch der Kanzlerin das gewünschte Arrangement bieten und mal den Landesvater mit großer Geste, mal den Wadenbeißer in forderster Front, meist aber den charmanten Beklatscher geben.
Umso erstaunlicher, dass Angela Merkel ein eigenes StudiVZ-Profil besitzt. Knapp 70.000 Freunde kann sie verzeichnen und ihr Fotoalbum ist reich gefüllt. Gekonnt strahlt ihre Autorität über jede dämliche Bemerkung hinweg – eine Deaktivierung der Kommentarfunktionen hätte wohl keine vergleichbaren Souveränitäts- und Gelassenheitspostulate zugelassen.
Die CDU-Kampagne im Web 2.0 verfehlt über weite Strecken die auf Mitwirkung, Aktivierung und Identitätsbildung angelegten Potenziale. Ähnlich dem SPD-Kanal wird insbesondere auf YouTube und damit auf dem am stärksten frequentierten Portal eine durchaus konservative Fernsehästhetik angewandt, die entgegen den Verlautbarungen der Jungen Union keine weitreichenden – innovativen – Interaktionsmöglichkeiten bereit stellt, im Gegenteil: Inszeniert wird eine Statik der Macht, die ihren Gewinn aus der Übertragung bestehender Formate und Strategien auf Web-2.0.-Angebote ableitet.
Überblendet man allerdings diesen Befund mit der Tatsche, dass YouTube wesentlich durch hochgeladene Musikvideos und damit durch explizite Bildformen des Fernsehzeitalters erfolgreich wurde, erscheint das gewählte Verfahren wiederum konsequent. Folglich wäre – etwas grundsätzlicher – danach zu fragen, ob es überhaupt so etwas wie eine professionell produzierte, erfolgsversprechende Ästhetik für Videoportale geben kann. Leben Parteiwahlkämpfe nicht gerade durch die Homogenität der einzelnen Repräsentationselemente? Zusätzlich muss Sorge für eine signifikante Abgrenzung gegenüber der Bild- und Darstellungskultur der Privatästheten getragen werden, um nicht in Anbiederung oder platte Gefälligkeit abzukippen.
Unterdessen atmet Angela Merkel nochmals in einer stillen Minute den Duft der Uckermark und lauscht in entrückter Kontemplation dem fernen Tosen der Fußballweltmeisterschaft. Auf dem Nachbarkanal tobt der Steinmeier ums politische Überleben. Gehör findet er kaum. Für Sekundenbruchteile schließt Merkel die Augen. In diesem Moment wäre selbst der alte Haudegen Schröder ratlos geworden.
Dass dennoch Tendenzen zu einer Adaption amateurkultureller Ausdrucksformen im Wahlkampf 2009 zu beobachten sind, wird in Kürze ein Web-2.0-Besuch bei den Grünen belegen.
Bildquelle 1: Profilpage-Ausschnitt “Angela Merkel” aus StudiVZ.
„17837 Leute finden die SPD gut“. Zudem ist die SPD auf 89 Fotos verlinkt und besitzt überdies drei eigene Fotoalben – werlustig drauf ist, kann die SPD gruscheln oder ihr eine exklusive Freundschaftseinladung zukommen lassen.
Es muss überraschen, in welcher Weise die Sozialdemokraten im Zuge des Bundestagswahlkampfs ein StudiVZ-Profil angelegt haben. Zwar bleiben die gängigen – auf Kontaktaufnahme und rasche Kommunikation angelegten – Funktionen erhalten; doch wo die studierenden Amateurästheten gemeinhin ihre faziale Fassade und damit ein Persönlichkeitspostulat zur Freundschafts- und Gruschelwahl anbieten, platziert die Bundestagsfraktion schnörkellos ihren Wahlkampfslogan „Anpacken. Für unser Land“. Präsentiert wird der allgemeine – abstrakte – Körper eines Programms, nicht aber die speziellen – konkreten – Körper, die ihn repräsentieren sollen. Wer über eine Entpersönlichung und Entindividualisierung der politischen Praxis klagt, wird diesen Eindruck beim SPD-social-networking widergespiegelt finden.
Seine Einwände dürften sich verstärken, wenn er sich durch die angehängten Freundschaftsbündnisse klickt. Dort zeigen sich zu hunderten sozialdemokratische Kreis- und Kommunalvertreter, umrandet und eingefasst vom Corporate Design des Wahlkampfs. Die individuellen Körper – im Format des Porträts der Bildtradition nach eigentlich Voten für Einzigartigkeit und Besonderheit – werden so einem übergeordneten Prinzip unterworfen und folglich ihrer Unverwechselbarkeit beraubt. Die überdies exakte Einhaltung des immergleichen Anschnitts und des stets wiederholten Passfotocharmes erinnern nicht nur an die traditionellen, gänzlich faden und damit differenznivellierenden Plakatkampagnen, sondern in ihrer direkten Zusammenschau vor allem an Täter- oder Familiengalerien zur Jahrhundertwende: Für sie hatte sich der Einzelne einzig zugunsten des großen Ganzen ins Bild zu begeben. Der sozialdemokratische StudiVZ-Auftritt offenbart nachdrücklich, wie ein professionelles Agieren auf amateurzentrierten Medienangeboten an den speziellen ästhetischen Herausforderungen vorbeiinszeniert werden kann. Folglich wirkt er unreflektiert, überzeugungsschwach und kann wegen des ausbleibenden Nachdrücklichkeitsgewinns den Schritt ins Web2.0 wohl nicht rechtfertigen.
Ein Blick in den SPD-YouTube-Kanal „Wahlkampf 09“ erhärtet den Verdacht, dass man im sozialdemokratischen Lager auf eine Überwindung der Privatkultur mit den Mitteln einer tradierten Medienästhetik setzt. Das Eröffnungsvideo – gesendet im „Kanzlerformat“ –startet mit Applaus der SPD-Delegierten. Offenbar gibt man aus der Basis einen fröhlichen Vertrauensvorschuss – Kandidat Steinmeier lässt sich nicht lumpen und poltert artig für den Wandel und gegen den Gegner. Dafür gab´s allerdings nur magere drei von fünf möglichen Sternchen bei enttäuschenden 9000 Klicks. Steinmeier erscheint dennoch unbeirrt als Kapitän eines alten roten Schlachtschiffs auf stürmischer Wahlkampfsee: Tatsächlich werden wie einst bei Eisensteins „Potemkin“ in regelmäßigen Abständen die Botschaft zertifizierende Referenzpersonen - Stimmen des eigenen Volks - zwischengeschnitten: Wo der russische Revolutionär im erhitzten Klassenkampf Fäuste ballen, Augäpfel rollen und Bizeps hüpfen ließ, findet man heute den Steinmeier im Nahgefecht gegen die Merkel „einfach nur klasse“. Abermals soll eine „Montage der Attraktionen“ das Ruder rumreißen und das Programm in den mehrheitsfähigen Hafen steuern. Dass dabei allerdings – und lediglich – die klassische Fernseh- und Reportageästhetik adaptiert und mit einigen Agitationshäppchen angereichert wurde, lässt abermals Zweifel an der Durchsetzungskraft des sozialdemokratischen Web2.0-Auftritts aufkommen.
Videoquelle: “Kanzlerformat” aus dem SPD-YouTUbe-Kanal, siehe hier.
Bildfähig! schreibt über die Bilder der zeitgenössischen Kultur mit dem Anspruch differenzierter Klarheit und theoretischer Schärfe. Ein tiefes Verständnis der zeitgenössischen Kultur ist ohne eine Analyse der Bilderwelten, die sie hervorbringt, kaum möglich. So werden in diesem Blog Argumente entwickelt über die Funktionen, die Bilder einnehmen, und die Bedeutungen, die ihnen zugeschrieben und damit organisiert werden.