Bildfähig!

Über die Bilder der zeitgenössischen Kultur

Vom Handy zur Arie

Daniel Hornuff · 26.09.2008 · Noch keine Kommentare · Bildfähigkeit, Bildidentität, Bildrezeption

Als Paul Potts zum final-fulminanten “Vincerò!” ansetzte, rannen der Jury Tränen über die Wangen. Nur wenige Monate später bastelte die Deutsche Telekom daraus einen Werbespot. Verweile doch, Du bist so schön! – es wurde ein 30-Sekunden-Augenblick, in dessen Zentrum eine klangvolle Stimme und ein geschichtsträchtiges Gesicht stehen.

Paul Potts gewann im vergangenen Jahr die britische Casting-Show Britain´s Got Talent. Müde lächelnd quittierte die Jury seine Ankündigung, er wolle Puccinis Nessun dorma zum Besten geben. Als wenig später der Saal tobte, war sein Tellerwäscher-Märchen bereits perfekt. In seinem Beitrag für Die Zeit erfahren wir, dass er bereits mit zehn Jahren im Kirchenchor gesungen und als einziger der Familie studiert habe – Philosophie! Über das Böse in der Welt habe er promoviert, sei zudem am Utilitarismus interessiert gewesen. Als ihm der Titel nicht mehr als Gelegenheitsjobs einbrachte, begann er Handys zu verkaufen – heute verkaufe er nach eigener Auskunft Paul Potts. So sang er Oliver Kahn mit einem ergreifenden Time To Say Goodbay aus dem Tor und eröffnete die Fußball-Bundesliga – wieder mit Puccini. Fernsehauftritte bestimmen seither seinen Alltag und kaum eine Talkshow lässt es sich nehmen, ein Stück des Märchenkuchens seinen Zuschauern zu servieren.   

Es ist die Kombination offensichtlich disparater akustischer und visueller Elemente, die zu seinem Erfolg führte. Nessun dorma ist ein im kollektiven Ohr verwurzelter Klassikschlager, mit pathetischer Zugkraft gewürzt und hymnisch orchestriert. Im Casting-Kontext, umrahmt von Hip-Hop-Beats und Soul-Röhren lässt sich damit leicht eine Zäsur setzen. Zwischen gestählten und tanzenden Muskelpaketen wirkt der etwas füllige Anzugträger tatsächlich wie dem Handyladen von nebenan entlaufen. Ein schüchternes Lächeln verrät eine Zahnlücke. Ein visueller Makel, von dem ZDF-Moderator Markus Lanz in seiner Sendung schwärmte: „Wobei ich sagen muss: Ich mochte Sie – mit den schiefen Zähnen und dieser unglaublichen Geschichte“.

Markus Lanz´ Sympathiebekundung folgt damit einem anthropologischen Bildverständnis: Die Bilder, die er bisher von Potts´ Körper gesehen hat,  waren für ihn auch Bilder des Menschen. Potts´ Gesicht wird nicht als Maske wahrgenommen, die man ihm zum Zwecke strahlender Perfektion aufsetzte. Vielmehr meint man seiner Bildwerdung den Abdruck eines ´realistischen´, tatsächlichen Körpers entnehmen zu können, der Auskunft über den Menschen erteilt, ja ihn als Freund vorstellt. Bringt dieser Nessun dorma zum Erklingen, adelt Puccinis klassischer Kolorit eine ´Spur der Wirklichkeit´, die zu den Geschichtswurzeln zurückführt:  Puccinipotts´ Arie ist nun auch als Handy-Klingelton erhältlich.

Referenzen: weitere Informationen zu Paul Potts hier.

Bildquelle: http://www.amazon.de/gp/product/images/B000SKO0OY/ref=dp_image_0?ie=UTF8&n=290380&s=music

   

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