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Damit hatte BILD wohl nicht gerechnet. Als die meistgelesene deutsche Tageszeitung am vergangenen Samstag in gewohnt großen Lettern die Porträtgalerie der 100 schönsten Deutschen ankündigte, entspann sich noch am selben Tag eine Diskussion mit kunsttheoretischem Tiefgang. Auf der Homepage freizeitfreunde.de unter der Rubrik Fragen & Antworten gab Brigitte den Anstoß zum Diskurs. Denn für sie stelle sich nach der BILD-Lektüre die Frage: „Was ist schön?“. Eigentlich könne das ja nur „die Feststellung des einzelnen Betrachters für eine Person sein“ und man dürfe nicht vergessen, dass „doch jeder seine eigene Ansicht für Schönheit“ habe. Sie – beispielsweise – finde Senta Berger schön, schließlich sei sie „eine interessante und liebenswerte Frau mit einem guten Image“. In einer Kurzreplik antwortete gustavgunter rasche 9 Minuten später, die ganze BILD-Aktion mute „sowas von oberflächlich“ an; Brigitte griff den Hinweis auf und bekräftigte, dass die „Oberfläche am meisten verehrt“ werde – und das, „was darunter steckt, merkt man, wenn es zu spät ist“.
In seltener Prägnanz stecken Brigitte und gustavgunter das Feld kunst- und ästhetiktheoretischer Fragestellungen ab, um das sich seit Platon die Kulturgemüter bemühen. Gleichzeitig beziehen sie Position und entwickeln – im Dialog – einen Schönheitsbegriff. ´Schön´ sei demnach kein Merkmal der Oberfläche, schon gar keine Definition allgemeiner Verbindlichkeit. Vielmehr entscheide darüber der einzelne Betrachterblick, wobei er Sorge dafür tragen müsse, das ´innere´ Schöne zu erfassen – andernfalls unterliege er Täuschungen und damit ästhetischem Schein.
Damit gliedern sich beide Autoren in eine Geistestradition ein, die das ´Schöne´ als „interesseloses Wohlgefallen“ versteht. Schon Immanuel Kant beschrieb ein subjektives Geschmacksurteil, das nur dann ´rein´ sei, wenn es etwas ohne Begriff als schön empfände. Auch Friedrich Schiller erkannte in der ´idealen Schönheit´ eine Qualität, die keine Realität vortäusche und nicht an einen Zweck gebunden sei. Wenn gustavgunter der BILD-Wahl vorwirft, sie sei „sowas von oberflächlich“, übersieht er allerdings die Möglichkeit, die Plausibilität der 100 schönsten Deutschen durch ein „ästhetisches Spiel“ zu überprüfen. So könnte er beispielsweise fragen, ob die Liste tatsächlich „echte Kunst“ sei und ob ihn die Betrachtung einem „ästhetischen Zustand“ näher bringe – in dem sich Vernunft und Sinnlichkeit, die Grundtriebe des Menschen, zu vereinen beginnen. Im Sinne Schillers fände er damit zu größtmöglicher Freiheit. Und auch Brigitte gewönne mit dieser Bereitschaft der „am meisten verehrten Oberfläche“ tiefere Qualitäten ab.
Referenzen
Das BILD-Ranking und weitere Informationen dazu: hier.
Literatur: Christel Baumgart: Das Geschmacksurteil. Seine Bedeutung in Kants “Kritik der Urteilskraft”.
Friedrich Schiller: “Über die ästhetische Erziehung des Menschen”.
Bildquelle: 1 Ausschnitt aus dem Titelblatt der Bild-Zeitung vom 27. September 2008 (228/39, München-Ausgabe).

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