Bildfähig!

Über die Bilder der zeitgenössischen Kultur

Popstar Reich-Ranicki - Teil 1

Daniel Hornuff · 15.10.2008 · Noch keine Kommentare · Bildfähigkeit, Bildinszenierung

Es zählt zur vergleichsweise bequemen Geistesübung, dem Fernsehen kulturzerstörende und entfremdende Neigungen zu attestieren. Wer es damit allerdings auf die Titelseite der BILD schafft, innerhalb von drei Tagen 600.000 YouTube-Klicks generiert und zudem eine eigene Fernsehshow bekommt, dokumentiert auf beispiellose Weise sein praktisches Verständnis massenmedialer Wirkungsstrukturen. So geschehen am vergangenen Samstag bei der Aufzeichnung zur Verleihung des Deutschen Fernsehpreises, als Marcel Reich-Ranicki den ihm verliehenen ´Ehrenpreis der Stifter´ ablehnte. In einem späteren Interview bekräftigte er zurückgelehnt den Totalverfall des Fernsehens erneut.

Selten wurden Topoi der Kulturkritik cleverer vorgetragen. Wohl nur Reich-Ranicki konnte es gelingen, den Medien eine Ohrfeige zu verpassen, um sich in ihrem Zentrum omnipräsent zu platzieren. Wie kein anderer vermag er Generalabrechnungen mit drolliger Liebenswürdigkeit zu vermählen. Er kennt die Formel der Popkultur und weiß: Wenn Reich-Ranicki spricht, zählt das Sprechen. Natürlich hören wir aus seinen Worten eine „Antiquiertheit des Menschen“, sorgenvoll mahnend, als könnten fratzenlustige „Phantome“ den Menschen irgendwann zum „Massenemeriten“ stanzen (Günther Anders). Enzensbergers „Nullmedium“ wird abermals bemüht und gliedert sich in lange Denktraditionen. Als Reich-Ranicki beklagte, er müsse während der Gala „vier Stunden das alles ertragen“, hatte sich ihm wohl bereits Schillers erhobener Zeigefinger aufgedrängt. Denn auch dieser fühlte sich einst vom „thierischen Genuss“ überladen und warnte, dass der Mensch „wilden Zerstreuungen“ ausgesetzt sei, „die seinen Hinfall beschleunigen und die Ruhe der Gesellschaft zerstören“ (siehe hier). Reich-Ranicki hat Schiller aber Entscheidendes voraus: Er vermochte den Moment zu packen, in dem bereits zu Lebzeiten kulturapokalyptischem Denken eine Karriere zum Popstar folgen kann.  

Elke Heidenreich vermag den Schritt nicht zu überblicken. In der FAZ paddelte sie sich in eifriger Affirmation in Reich-Ranickis Fahrwasser und jubelte ihm verzückt hinterher: „Wunderbar. Danke auf ewig“, denn schließlich sei auch sie „hirnloser Scheiße“ ausgesetzt gewesen. Doch mittlerweile steht fest: Am kommenden Freitag diskutiert Reich-Ranicki mit Thomas Gottschalk in der eigens konzipierten Sendung Aus gegebenem Anlass über Fernsehkulturen (Bildfähig! wird reagieren). Von den Sendungsplänen unterrichtet, verriet Heidenreich, dass sie die Bildkarriere ihres Kollegen kaum zu würdigen weiß. Denn prompt sah sie sich genötigt, ihn vom sicheren, hochgelegenen Kulturufer vor Gottschalk zu warnen: „Tu´ es nicht, es ist der Falsche!“.

Textquellen: Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 1956, hier

Friedrich Schiller, Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet, hier.

Hans-Magnus Enzenberger, Das Nullmedium oder Warum alle Klagen über das Fernsehen gegenstandslos sind, in: Peter Glotz (Hrsg.), Baukasten zu einer Theorie der Medien. Kritische Diskurse zur Pressefreheit, München 1997, hier.  

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