Man traf sich im Wiesbadener Kurhaus. Auf rotem Teppich und von zwei Kronleuchtern umrahmt sprach Thomas Gottschalk mit Marcel Reich-Ranicki über dessen Ansicht eines kulturzerstörenden Fernsehens. Schnell griffen eifrige Kommentatoren zur Feder (vergl. hier, hier, hier und hier) und werteten überwiegend das „mit soviel Spannung“ Erwartete als inhaltliche Enttäuschung. Da urteile „ein alter Mann“, der kein Fernsehen schaue und Atze Schröder von Helge Schneider nicht unterscheiden könne. Jemand, an dem Entwicklungen vorbeirauschten, ohne dass er ihnen differenzierte Aufmerksamkeit gewidmet habe. Tragisch mute daher seine Situation an, ein ewig Gestriger verharre in bildungsbürgerlicher Bequemlichkeit.
Überraschend, wie beharrlich hingegen die Einschätzungen an Reich-Ranickis Erfolg vorbei sehen. Es bedarf keiner Rechenkünste, um festzustellen, dass der Kritiker in vergangener Woche der meistzitierte, meistgeklickte, meistgesendete und generell meistbesprochene Bundesbürger war. Wie treffend daher die szenografische Gestaltung des Vier-Augen-Gesprächs! Im Hintergrund gibt die Fensterfront den Blick auf eine menschen- und autoleere Kreuzung frei. Schließlich versammelt sich die Gemeinde vor ihren Empfangsgeräten, wenn ihr Papst spricht. Dass seine Aussagen dabei wenig konzise waren und nach der Aufzeichnung freitags doch gesendet wurden, belegt den erreichten Status. So habe laut seiner Auskunft Friedrich Schiller einmal einen Essay geschrieben, den „niemand gelesen hat“. Schlicht an falscher Stelle sei der Text platziert worden. Reich-Ranicki vermag trotzdem aus der Schrift zu zitieren - es gehört zur päpstlichen Souveränität, dass sie kein Bemühen um argumentative Kausalität aufzuwenden braucht. Inhärente Widersprüche sind dem Dogma fremd. Wesentliches habe er daher aus dem Vorwort zur Braut von Messina erfahren: „Bildung” und „Unterhaltung” können konformen Schritts auf die Bühne treten.
Im Verlauf des Gesprächs entwirft Reich-Ranicki eine Kulturkonstante, in der „Spaß“ und „Anspruch“ keine widerstreitenden Kontrahenten bilden. Vier Namen schlägt er als ideengeschichtliche Pfeiler vor: Shakespeare, Schiller, Brecht und Gottschalk. Sie vereine, was der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises (vergl. Blogeintrag vom 15.10.2008) mangelte: Die Fähigkeit, auf der Bühne zu erscheinen, „Guten Abend!“ zu sagen und dafür mit hoher Applausquote honoriert zu werden. Präziser ist Popkultur kaum zu definieren, die ihre Qualität aus Oberflächen zieht und nicht mit Oberflächlichkeit verwechselt. Zu genau weiß Reich-Ranicki um die erreichte Bildkarriere, als dass er sich selbst zwischen Brecht und Gottschalk einsortiert hätte. Das Literarische Quartett, das eigentlich ein Solo mit drei Begleitinstrumenten war, legte früh das Fundament, auf dem er nun seine Zugehörigkeit zu genannten Kulturgrößen errichtet.
Textquellen: Friedrich Schiller, Ueber den Gebrauch des Chors in der Tragödie, in: Ders., Die Braut von Messina, siehe hier.
Vergl. auch den erhellenden Blogeintrag von Thomas Ernst, siehe hier.
1 Kommentar↓
1 blogsgesang // 19.10.2008 um 16:30
Natürlich haben viele gern am Kern der Sache vorbei geredet. MRR weiß, dass sich nicht das gesamte Fernsehen seinem Anspruch unterwerfen lässt, aber er will wenigstens noch ein kleines Inselchen der Qualität. Doch selbst dafür gab es verbreitetes Unverständnis. Mehr:
http://www.blogsgesang.de/2008/10/19/das-elend-des-fernsehens-als-problem-der-oeffentlich-rechtlichen-sender/
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