Bildfähig!

Über die Bilder der zeitgenössischen Kultur

Mentalitäten der Kulturkritik - Teil 1

Daniel Hornuff · 10.11.2008 · Noch keine Kommentare · Bildfähigkeit, Bildidentität, Bildrezeption

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„Daran sehen Sie, in welcher Zeit wir mittlerweile leben…“ – so ein oftgesäufzter Topos der Gegenwart. Meist entspringt er einer bitter ernsten, sorgenvoll-mahnenden Miene. Wer sie sieht und die Sentenz – häufig der Schluss einer längeren Ausführung – hört, muss sich unmittelbar entscheiden: Zustimmung oder Ablehnung! Ein Dazwischen kann es nicht geben. Dass man sich aufgrund des semantischen Bruchstücks überhaupt positionieren kann, beweist die steile Karriere, die jener Replik zukam. Kaum jemandem wird die intendierte Konnotation entgehen: Gemeint ist die Jetztzeit, die den vorläufigen Tiefpunkt einer generellen Zerfallsgeschichte markiert. Die Gegenwart wird als Bedrohung empfunden, schließlich brach Etabliertes weg, Neues hervor und Ordnungssysteme scheinen außer Rand und Band. Kultur, Soziales und Politik verschleierten sich, um als verbündete Täuschungs- und Manipulationsinstanzen den Einzelnen hinters Licht zu führen. Ein Verlust an Selbstbestimmung zugunsten eines Gewinns an Fremdbestimmung – so der gegenwartsdiagnostische Gehalt des Seufzers.

Insbesondere die Bilderwelten im Web 2.0 geraten rasch unter pessimistisch genährte Verdachtsmomente. Nur selten werden sie analytisch betrachtet, eher mit schlagwortartigen Einschätzungen determiniert: Die Rede ist dann häufig von ungebändigten Bilderfluten, Bilderströmen und Bildeinbrüchen, deren Überschwemmungskräfte das Subjekt nicht mehr gewachsen scheint. Folglich ertrinke es im Bilderrauschen.

Diese Einschätzungen überraschen – missachten sie doch offenbar die Intention vieler Amateur-Bildproduzenten. Denn gerade Seiten wie flickr oder YouTube werden massiv zu identitätsstiftenden, ja gemeinschaftsbildenden Zwecken herangezogen. Es ist allerdings ein tautologisch alter Hut, dass social network sites eine soziale Funktion übernehmen. Dennoch muss die Prämisse den bildinteressierten Blick  herausfordern. Schließlich stehen ihm sowohl ästhetiktheoretisch als auch bild- und sozialgeschichtlich ausleuchtbare Bildreservoire zur Verfügung. Kein Archiv barg je zuvor derart große Bildmengen – es wäre ein allzu bequemes Zurücklehnen der Wissenschaft, die Bildspeicher aus Angst vor einem Überblicksverlust nicht zu betreten. Gerade die Kunstgeschichte hat nun die Möglichkeit, leicht zugängliche, geradezu massenhaft verankerte und dabei analytisch bisher kaum erschlossene Bilderwelten mit ihren speziellen Kompetenzen zu untersuchen. Sie könnte eindrucksvoll ihre Deutungskraft gegenüber visuellen Kulturen untermauern – zweifelhaft hingegen ihre zeitaktuelle Relevanz, wenn sie alleine der Geschichte und einem klar definierten Bilderkanon huldigt. Aus dieser Perspektive wird „die Zeit, in der wir mittlerweile leben“ stets als Verfallsstadium anzusehen sein und damit von reflektierten, vielleicht weniger reflexhaften Zugriffen unberührt bleiben.

Eine Kunstgeschichte, die gegenwartspessimistischen Mentalitäten Folge leistet, verhindert Erkenntniszuwächse. Sie formatiert ein rückwärtsgewandtes Betrachtungsfeld - und exkludiert damit drängende, sich am Heute entzündende Fragestellungen.

Bildquelle: 1 Aeric Winter auf YouTube, siehe hier und hier.

 

 

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