Bildfähig!

Über die Bilder der zeitgenössischen Kultur

´Wir schießen zurück!´

Daniel Hornuff · 17.11.2008 · Noch keine Kommentare · Bilddarstellung, Bildfähigkeit, Bildrezeption

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Unsicher hält der Soldat sein Gewehr. Eine Augenbinde nimmt dem Opfer die Sicht auf einen Peiniger, der offenbar den Blick des Anderen fürchtet. Seine Feigheit legitimiert sich wohl nur unter Gleichgesinnten zur Notwendigkeit. Für einen Moment zögert der Schütze, doch dann knallt es. Der junge Mann bricht zusammen, ein Gummigeschoss zerschlug seinen Fuß. Die Kompanie ahnte allerdings nicht, dass ihr Schuss aus einem Hinterhalt erwidert wurde. Unerbittlich konservierte der Blick einer Videokamera die Täter und ihr Handeln – und verschafft ihnen eine gefürchtete Öffentlichkeit.

Die Kamera ist eine von 100 Aufnahmegeräten, die von der größten israelischen Menschenrechtsorganisation B´Tselem an palästinensische Bauern im Westjordanland verteilt wurden. Seit Jahren ignorierten israelische Sicherheitsbehörden ihre schockierenden Erzählungen. Berichte von brutalen, blitzartigen Übergriffen israelischer Siedler und Bauern, die, formiert als Schlägertrupps, gezielt abgelegene Siedlungen der Landbevölkerung aufsuchten und in blinder Gewalt ganze Familien zusammendroschen. Meist kamen sie vermummt. B´Tselem erkannte die ureigene Täterangst vor Sichtbarkeit – und wendete sie in eine wirkungsvolle Gegenmaßnahme. Wöchentlich meldet sich nun die Polizei bei der Organisation und fordert neues Videomaterial an. Nach anfänglicher Skepsis genießen die Bilder mittlereile vor höchsten israelischen Gerichten beweiskräftige Autorität, so dass Ermittlungen und Indizienprozesse wesentliche Erfolgssteigerungen vermelden können. Obwohl in der Folge die Informationsstrukturen an Transparenz gewannen und so prinzipiell größere Aufzeichnungsraten ermöglichten, ging die Zahl gemeldeter Misshandlungen signifikant zurück. Offenbar kommt den Bildzeugen eine zugleich aufklärende wie auch präventive Funktion zu.

Vergangene Woche berichteten die ARD-Tagesthemen (siehe hier) über B´Tselems Bildstrategie. Man zeigte jene Opferblicke, die in Kameras manifestiert und nun der kollektiven Aufmerksamkeit dargeboten werden. Ihre Dokumentation ist die Bedingung der Möglichkeit, den öffentlichen Blick einer internationalen Gemeinschaft als Gegenoffensive einzusetzen. Sicher sind in teilweise stark verwackelten, durch Unschärfe oft verrätselten, in Hektik und Angst nur selten fokussierten Bildmomenten kaum einmal tragfähige ´Spuren zur Wirklichkeit´ auszumachen. Jedoch etablieren gerade bilddramatische Elemente eine visuelle Attraktivität, für die sich massenmediale Multiplikatoren empfänglich zeigen.

B´Tselem schafft es, verschiedene Bildebenen zu funktionalisieren. Einerseits stellen sie Bildindizien und damit Beweisinstanzen zur Verfügung, die zu Richtersprüchen führen und folglich Abschreckungscharakter entfalten. Andererseits öffnen genuin-dramatische Bildsprachen den Weg in Fernseh- und Internetkanäle, deren Massenbeachtung weiteres Einschüchterungspotential birgt. Was dem Medienpessimismus gerne als manipulierende Bildpolitik ins Auge sticht, kann sich ihm hier als humanisierende Bildkraft vermitteln. Schließlich ängstigt den Vermummten nichts mehr als die Vorstellung, er könnte einst seiner Verschleierung enthoben werden.  

Bildquellen: Bild 1: Screenshot von Spiegel online, siehe hier; Bild 2: Screenshot von B´Tselem, siehe hier.  

 

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