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Über die Bilder der zeitgenössischen Kultur

Goethe und die ‘Masse des Mechanischen’. Mentalitäten der Kulturkritik, Teil 2

Simon Bieling · 20.11.2008 · Noch keine Kommentare · Kulturkritik

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Unter den kulturkritischen Diagnosen zur Gegenwart haben diejenigen, die das Einbrechen der „Masse des Mechanischen“ mitsamt einer wachsenden Kommerzialisierung konstatieren eine besonders erfolgreiche Karriere erlebt. Giedions Buch über die Befehlsnahme des Mechanischen und heutige Kritiken, die im Digitalen das sehen, was dieser zuvor im Mechanischen ablas und zu einer weitgreifenden Kulturkritik fasste, haben jedoch einen Vorläufer im 18. Jahrhundert. In einem kurzen Artikel, der mit allgemeinen Bestimmungen zu den Zielen der Kunst beginnt, gelangt Goethe letztendlich vor allem zu der Festellung, dass „der hochgetriebene Mechanismus, das verfeinerte Handwerk und Fabrikenwesen der Kunst von nun ab ihren völligen Untergang bereite.“ Für ihn ist es überdeutlich: „in den letzten zwanzig Jahren“ folge ein immer breiteres Publikum einer „scheinbaren Befriedigung“ nach „geschickten mechanischen Nachbildungen“. „Kluge Fabrikanten und Entrepreneurs“ hätten die ‚echten’ Interessen des neu entstehenden bürgerlichen Publikums „zu Grunde gerichtet“, indem sie an dieses Kunstdrucke verkauft hätte. Auf diese Weise hätten diese „mit schönen, zierlichen gefälligen, vergänglichen Dingen durch den Handel die ganze Welt überschwemmt.“

Doch wo Goethe zufolge die „Masse des Mechanischen“ solche Überhand gewinnt, können es die „zarten Pflanzen“, die „echten Künstler“ nur schwer haben mit ihren edlen Versuchen nach dem Schillerschen Idealbild im wahren Kunstwerk „reine Sinnlichkeit mit Intellektualität“ zu verbinden. Da wo für Goethe alles nach Vergänglichem strebt, findet ihr Talent „weder Boden noch Witterung noch Wartung“, schließlich strebe ihre Arbeit nach „innerlichen, ewig bleibenden Wert“.

Wenn dies stark an die Reden von der wachsenden Bilderflut erinnert, so ist das Übertragen dieses kulturkritischen Musters auf eine kürzliche Nachricht von Google mehr als sinnvoll, um zu sehen, welche Folgen ein solcher Typus der kulturkritischer Argumentation besitzt. Google hat das gesamte Archiv der bildjournalistischen Fotografie der Zeitschrift LIFE zugänglich gemacht. Es wird schnell ersichtlich, welche Erkenntnismöglichkeiten sich durch eine Goethe folgende Betrachtung verschließen. Es ist die offensichtliche, geschickte Wendung Goethes, nicht mit dem eigentlichen Gegenstand seines Textes zu beginnen, sondern mit einem allgemeinen, wenig differenzierten, ahistorischen Idealbild einzusetzen und so bereits textdramaturgisch unter der Hand eine erste Distanz zu dem behandelten Phänomen der Gegenwart, der höheren Verbreitung von Kunstdrucken zu schaffen.

Im Falle des Google-Archivs wäre ein vergleichbarer Beginn etwa, ein Ideal bildjournalistischer Fotografie einzuführen. Man könnte einen besonders sensiblen Reportagefotograf beschreiben, der interesselos seine Sujets zugleich analytisch und bewegend in Bildern übersetzte und allein seinen dokumentaristischen Idealen folgte. Umso besser wenn seine Fotografien in einigen alten, im Antiquariat käuflichen LIFE-Ausgaben zugänglich wären. Das eigentliche Phänomen würde stark in den Hintergrund gedrängt und zunächst ohne weitere Begründungen ein Ideal postuliert.

Folgte man dann Goethe weiter, würde man daraufhin feststellen, dass dieses Idealbild und dessen ‚Träger’ in der Gegenwart unter Gefahr stünden: Schnöde kommerzielle Interessen der großen Bildagenturen und der sie leitenden Unternehmer hätten einerseits den Markt mit bildjournalistischer, oberflächlicher, bloß gefälliger Massenware überschwemmt. Andererseits hätte Google durch Einsatz der neuen Technologien des Internets aus ebenso niederen kommerziellen Motiven damit begonnen, das alte LIFE-Bildarchiv und dessen ‚zarte Pflanzen’ regelrecht zu verscherbeln. Der echte, mit wahrem Talent ausgestattete Bildjournalist habe deshalb keine Gelegenheit mehr, da das Publikum seine tatsächlichen Interessen getäuscht von den Bildermassen kaum noch kenne.

Die Bildagenturen und das Google-Archiv würden so zwar thematisiert, aber lediglich als Gefährdung des vorgeblich anzustrebenden Bildjournalisten-Ideals und kommerzielle Täuschung der Rezipienten. Die zu Textbeginn eingenommene Distanz würde nicht mehr verlassen, weil das eigentlich zu analysierende Phänomen nur in negativem Bezug auf das Idealbild herangezogen würde. Es käme deshalb allein zu einer wirkungsvollen Affirmation des Ideals und nicht zu einer echten Analyse des LIFE-Archivs.

Wenn dann am Ende noch festgestellt würde, dass die Gefährdung des Ideals so bedrückend ist, dass sie „mit unaufhaltsamer Gewalt forteilt“, wie Goethe es tut, wäre der aufmerksame Leser im Eindruck deutlich bestärkt, dass der Schreibende allenfalls sich als privilegierter Verteidiger seines Ideals wie seiner selbst zu inszenieren bestrebt war. Vermissen würde er jedoch Erklärungsversuche über die Eigenheiten des LIFE-Bildarchivs, die spezifischen wirtschaftlichen Interessen Googles und ebenso Analysen darüber, welche Interessen die Rezipienten dieses Archivs haben könnten, etwa auf Porträts bestimmter Stars, die einmal in den siebziger Jahren dort veröffentlicht wurden, zurückzugreifen. Kurzum, was es bedeutet, wenn das Archiv einer Zeitung wie LIFE wieder in den ‚Bildverkehr’ der zeitgenössischen Kultur als Einheit zurückgebracht wird.

Bildquelle: 1 Screenshot, LIFE-Bildarchiv, Google

Referenzen:

Goethe, Johann Wolfgang. “Kunst und Handwerk” [1795] In: ders. Sämtliche Werke in Epochen seines Schaffens. München, 1986, Bd. 4.2. S. 118-121

Giedion, Sigfried. Mechanization Takes Command. New York, 1948.

Bildarchiv: LIFE-Bildarchiv, Google

Mehr zum LIFE-Bildarchiv: hier, hier.

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