Vor einigen Wochen hast Du Dir Dein erstes Tattoo stechen lassen. Kannst Du beschreiben, wie es dazu kam?
Eigentlich wollte ich schon sehr lange ein Tattoo. Schnell war klar, wo es hinkommen sollte: rechts unten am Rücken. Eine Stelle also, an der sich das Motiv durch Ab- und Zunehmen nicht verzerrt. Zudem kann ich es durch Kleidung verbergen, gegebenenfalls aber auch präsentieren. Das Problem war das Motiv. Es sollte etwas Persönliches und Individuelles sein, das nur ich habe. Dass ein Tattoo für immer bleibt, machte die Entscheidung zusätzlich schwierig. Richtig überzeugt hat mich erst die Trennung von meinem Freund. Was für andere in dieser Situation die neue Frisur, war für mich das Tattoo: Symbol für eine wichtige Veränderung in meinem Leben, verbunden mit einigen guten Vorsätzen für die Zukunft.
Du sprachst einmal vom “Tattoo-Meister des Vertrauens”. Wie lief die Suche nach ihm ab? Ähnlich schwer wie die Motiv-Suche war es, ihn zu finden. Tätowierer verstehen sich als Künstler und haben ihren eigenen Kopf, wie ich schnell feststellen musste. Ich habe auf einem Streifzug durch sämtliche Tattoo-Studios meiner Stadt die skurilsten Gestalten gesehen. Im letzten Studio erwartete mich schließlich das, was ich in allen anderen Läden vermisst habe: eine angenehme Atmosphäre und eine kompetente Beratung. Er kam in Badeschlappen und kurzen Shorts auf mich zu. Obwohl seine Arme und Beine komplett tätowiert waren, sah er irgendwie sehr ästhetisch aus – wie ein Kunstwerk! Er wusste sofort, welcher Stil mir gefiel und kopierte ein paar Seiten aus einem Ordner. Sein Vorschlag: ich sollte sagen, welche Symbole mir gefallen, er würde mir daraus dann mein individuelles Tattoo entwerfen. Perfekt – genau so hatte ich es mir vorgestellt!
Nach welchen Kriterien wähltest Du die Motive aus? Nach einem langen Hin und Her brachte mich irgendwann ein Freund auf das, was am besten zu mir passte: „Mal doch einfach selbst etwas. Eine Sache, die nur du hast und das für dich eine besondere Bedeutung hat“. Und wenn ich so recht überlegte, gab es tatsächlich ein Symbol, das ich nach dem Abitur sehr lange an einer Kette trug. Auch damals hatte für mich ein neuer Lebensabschnitt begonnen: die Trennung von meiner ersten großen Liebe, die Schule war vorbei und ich ging zum Studieren in eine andere Stadt, hatte meine erste eigene Wohnung. Das Symbol war eine Spirale. Als ich darauf meine beste Freundin in Neuseeland besuchte, fand ich die Spirale als ´Green stone´ (Jade) wieder, die die Maoris als Schmuckanhänger verwenden. Unter den Symbolen der neuseeländischen Eingeborenen fand ich zwei weitere Motive, die gut zu meinem Neuanfang passten:
Die Spirale ist von der Form her dem neuseeländischen Farn, dem ´Koru´ nachempfunden. Er verkörpert Frieden, Stille und die persönliche Entwicklung. Der Koru wurde traditionsgemäß zur Begrüßung neuen Lebens und eines Neuanfangs getragen.
Der Fish Hook ´Hei Matau´ hat die Form eines traditionellen Angelhakens. Er verkörpert Vielfalt, Kraft und Entschlossenheit. Durch das ´Einfangen´ von Glück und positiver Energie begünstigt er die persönliche Entwicklung.
Der Triple Twist ´Crossover´ stellt in seiner gewundenen Form die Verbundenheit einer einmaligen Freundschaft in Harmonie und Unvergänglichkeit dar.
Als ich diese Bedeutungen las, war ich mir so sicher wie noch nie, dass es genau die richtigen Symbole für mich waren. Über drei Monate hingen die kopierten Seiten aus dem Tattoo-Studio und die Symbole der Maoris an den Türen meines Kleiderschranks. Ich verbrachte Stunden damit, die Zeichnungen anzuschauen und mir zu überlegen, was ich gut fand und was nicht. Schließlich kam ich zum Entschluss, nur die Maori-Symbole zum Tätowierer mitzunehmen, ihm zu beschreiben, worauf es mir ankam und mich ansonsten auf seine Phantasie zu verlassen.
Wie gestalteten sich die ´Bildproduktion´ und deren ´Nachbehandlung´?
Am Tag, als es gestochen wurde, war ich zunächst unglaublich aufgeregt, gleichzeitig aber froh, dass es endlich so weit war. Viel zu lange hatte ich gewartet. Als ich aber den ersten Blick auf die Zeichnung warf, die der Tätowierer aus den drei Motiven anfertigte, war ich sofort überzeugt. Im Anschluss habe ich penibel alle Pflegehinweise beachtet: vom Eincremen über das Meiden von Sonne, übermäßigem Sport und Schwimmbadbesuchen in den ersten Wochen. Mehrmals täglich ging ich am Spiegel vorbei, um nachzusehen, ob auch noch alles da war. Jedes Mal war ich begeistert. Mittlerweile ist das Tattoo zu einem Teil von mir geworden, und zwar so sehr, dass ich es ab und an sogar vergesse. Aber wenn ich daran denke, erinnert es mich immer noch an das, was ich mir damals vorgenommen habe. Es hat für mich immer noch dieselbe Symbolkraft. Ich habe es bisher nicht bereut, im Gegenteil: ich bin froh, dass ich mich getraut habe und es macht mich stolz auf mich selbst.
Gab es im Vorfeld Überlegungen, die Motive ´nur´ in einem Gemälde visualisieren zu lassen? Von Anfang an war für mich klar, dass ich die Symbole als Tattoo auf meiner Haut tragen will. Ein Gemälde an der Wand wäre mir nie so nahe verbunden gewesen, wie das Gemälde auf meiner Haut, das ich ja immer bei mir tragen kann. Auch wenn ich es nur mit starken Verrenkungen lediglich teilweise zu sehen vermag und ansonsten auf das Spiegelbild oder Fotos angewiesen bin – die Tatsache, dass es wie ein dauerhaftes Schmuckstück für immer mit mir verbunden ist, verleiht ihm eine solch starke Symbolkraft, die ein Gemälde nie erreichen könnte.

3 Kommentare↓
1 Bildbewahrung in Zeiten des provisorischen Bildes // 12.05.2009 um 11:22
[...] Siehe auch diesen Post zum gleichen Thema: hier. [...]
2 Ölbild // 5.07.2009 um 18:50
Also ich werde mir auch bald ein passende Taatoo stechen lassen. Ich hoffe dass sieht dann auch aus wie ein Gemälde. Ich habe bloß noch nicht das passende Motiv gefunden.
http://www.bildmania.de
3 ria // 17.07.2010 um 14:22
find ich toll!
Ich will mir auch schon seit Jahren ein Tattoo stechen lassen. Allerdings fehlen noch das richtige Motiv und der richtige Zeitpunkt
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