Ein wichtiger Strang der Kulturkritik, fügt ihren Topoi, die stets auf der wertenden Unterscheidung zwischen einem Ganzen und der diesem gegenüber allein mangelhaften Gegenwart beruht, noch eine weitere zeitliche Wendung hinzu: sie klagt über die wachsende Geschwindigkeit des zeitgenössischen Lebens. Autoren, die sich dieses kulturkritischen Topos bedienen, sind sich sicher, dass vergangene Epochen höhere Langsamkeit zu eigen war und sehen sich auch in Büchern wie Stan Nadolnys Entdeckung der Langsamkeit darin bestätigt, dass sie der zwingenden Notwendigkeit nachkommen sollten, ihr eigenes Leben einer Kur der Verlangsamung zu unterziehen. Dabei stellt sich stets ein willkürlich gesetztes Ideal als eigentlicher Fluchtpunkt heraus: das in der Gegenwart unerreichte Ideal ist für sie letztlich ein Leben, das von äußeren Einflüssen vollends geschützt ist und in der das eigene Zeitempfinden stets identisch ist mit dem Umfeld, in dem sie leben.
Die Klage zu hoher Geschwindigkeit, die oft in eine allgemeine Kritik der Gesellschaft so übersetzt wird, dass ja die Schnelligkeit eine genuine Langsamkeit der Menschen übertreffe, hat immer noch größte Verbreitung. Ein Kapitel des Buches Der Knacks von Roger Willemsen, das zur Zeit trotz seines doch eigentümlichen Titels nicht ohne Erfolg verkauft wird und das so nach den Gründen seines Erfolgs betrachtet werden sollte, enthält ebenso das Argument der zu großen zeitgenössischen Beschleunigung.
Doch zunächst sei die in Rezensionen wenig beachtete Tatsache erwähnt, dass das Buch seine Grundannahmen F. Scott Fitzgeralds kurzem Essay mit dem Titel Crack-Up aus dem Jahr 1936 entnimmt. Was jedoch bei Fitzgerald in erster Linie eine Beobachtung eigener Erfahrungen in einem bestimmten Abschnitt seines Lebens ist und Übertragungen auf andere vermeidet, wird bei Willemsen undifferenziert verallgemeienrt. Sein „Knacks“ ist ein kollektivierter „Crack-Up“, den Fitzgerald noch weitgehend in sich selbst verortete. „Crack-Ups“ erscheinen bei Willemsen so beinah überall und selbst Ereignissen wie der Zerstörung des New Yorker World Trade Centers 2001 wird die Eigenschaft von „Haarrissen“ zugeordnet, die plötzlich auftreten, sich ausweiten und schließlich erst später ihre Konsequenzen in offenen Krisen zeitigten.
Willemsen beklagt dann in seinem Kapitel über die Geschwindigkeit nicht mehr allein die allgemein zu konstatierende Beschleunigung etwa der zeitgenössischen Fernsehbilder; er geht einen Schritt weiter: er macht die erhöhte Geschwindigkeit der Gegenwartskultur dafür verantwortlich, uns die Zeit zu nehmen, wie er sich ausdrückt, etwaige „Crack-Ups“ im Untergrund, und damit die läuternden, identitätsstiftenden Zeichen unserer wahren, existentialen Befindlichkeit ernstzunehmen. Das heißt: die Ganzheit, das Ideal, das Willemsen bewirbt, ist doppelt. Es sei die Situation vollständiger Langsamkeit, in der zugleich eine Art kathartische, identitätsstiftender Melancholie, eine Besinnung über das eigene Scheitern zur Entfaltung kommen könne.
Wenn Willemsen so seine Kulturkritik dahingehend ansetzt, eine Unmöglichkeit des “Crack-Ups” aus Termingründen zu konstatieren, stellt er sich in die Tradition der Kulturkritiker, die mit der Aussage sich hervorheben, dass die Anzeichen der Krise selbst unleserlich für uns geworden sind. Damit zelebriert sich Willemsen nicht nur als ein herausragend empfindlicher Autor, sondern gibt dem Leser vor allem die Chance, sich sensibler, tiefer empfindend zu wähnen als andere, weil er mit Willemsens Buch die sich in allerorts anzeigenden Haarrissen nur undeutlichen Krisen bereits früher zu sehen vermag als andere.
Die eigentliche Gefahr dieser Form der Kulturkritik liegt darin, dass sie die Anzeichen des Verfalls, worauf sie ihre vorgebliche Zeitdiagnose stützt, an einen inneren Ort verlegt und damit die Grundlagen ihrer Argumente letztlich unzugänglich verschließt. Hier verbergen sich die gleichen Sehnsüchte nach einer Rückkehr zum Ganzen, doch wird ein zweiter Schritt eingefügt, indem auch die Erkenntnis der Krise für unmöglich erklärt wird. Damit versucht sie uns davon zu überzeugen, dass wir uns Phänomenen der Gegenwart kaum widmen müßten, nicht einmal in kritischer Weise, sondern dass es ausreichte, festzustellen, dass selbst die Anzeichen der Krise unauffindbar sind. Dass so eine analytische Hinwendung zur Gegenwart regelrecht verhindert wird, ist offensichtlich. Überraschend ist es, dass dem Buch dennoch zeitdiagnostischer Erkenntnisgewinn zugestanden wird.
Referenzen:
Verlagsinformationen zum Buch: hier.
Interview mit Willemsen zum Buch: hier.
Fitzgeralds Essay, veröffentlich 1936 im Esquire: hier.
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