Bildfähig!

Über die Bilder der zeitgenössischen Kultur

Theorien der Bildauswahl

Simon Bieling · 17.12.2008 · Noch keine Kommentare · Bildenzyklopädien, Bildfähigkeit, Bildtheorien

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Wer sich zum Ziel macht nicht nur exklusiven Bildwelten seine Aufmerksamkeit zu widmen, sondern auch denen der sogenannten Alltags- oder Populärkultur, findet auf Seiten wie flickr, youtube oder vimeo so viele mögliche Gegenstände für seine Untersuchungen, dass seine Theorien um so genauer geschärft sein müssen; schließlich ist die Behauptung einer neuen Unübersichtlichkeit der Bilderwelten, die jede Theoriebildung unmöglich mache, keine ernstzunehmende Alternative.

Die besondere Herausforderung, aber vor allem Möglichkeit liegt in einer besonderen Eigenschaft dieser Seiten. Denn jede Recherche konfrontiert Theoretiker der Gegenwartskultur auf diesen Webformaten mit den Konsequenzen seiner eigenen Suchinteressen; sein Erfolg hängt davon ab, wie geschickt in der Lage ist, seine eigenen Suchinteressen zu steuern. Andererseits begegnet er dabei aber stets bereits bestehenden Bildzusammenhängen und Möglichkeiten, Bilder einem gemeinsamen Prinzip unterzuordnen. So werden seine Suchinteressen und Ordnungskriterien stets mit bereits vorhandenen Bildsortierungen anderer Benutzer konfrontiert.

So ist die Entscheidung sich nicht mit einzelnen Bildern, sondern mit Bildzusammenhängen bzw. den Unterschieden dieser Zusammenhänge zu befassen, von besonderem Interesse. Dass heißt ein Format wie flickr ermöglicht die Untersuchung von Ordnungsprinzipien, etwa solcher Selektionsstrukturen, die besonders erfolgreich sind und in verschiedenen Variationen wiederkehren. So würde man sein Interessensgebiet darin finden, Zusammenhänge in von anderen Benutzern hergestellten Bildzusammenhängen festzustellen.

Entgegen der Auffassung, dass flickr allein gegenwärtige Fotografien enthielte, also etwa sich beschränkte auf die Urlaubsfotos des letzten Sommers, haben sich einige Gruppen etabliert die Bilder unter historischen Prinzipien zusammenführen. Hier könnte man zwei Formen von Kategorisierungen nennen. So taucht einerseits die Bezeichnung vintage in vielerlei Bezügen auf. Große Bildgruppen unter den Titeln vintage cookbooks, vintage postcards, vintage supermarkets, vintage clothing und vielen anderen erfreuen sich großen Zulaufs. Sie unterscheiden sich von anderen historischen Bildzusammenstellungen dadurch keine präzisen Datenangaben zu folgen, sondern basieren ihre Bildordnungen vor allem darauf, dass ihre Herstellung so lange zurückliegt, dass sie erheblich unterschieden ist von heutigen Produkten, Bildern, Büchern der Gegenwart, aber gleichzeitig doch noch mit heutigen Sujets und Produktgruppen verglichen werden können. Sie beruhen auf einem ähnlichen Überraschungseffekt, der entsteht, wenn auf Porträtfotos zurückgegriffen wird, die bereits zehn, zwanzig Jahre zurückliegen und dabei im Kleidungsstil oder im Designstil der abgebildeten Möbel erhebliche Unterschiede festgestellt werden, obwohl diese damals als ‚natürlich’ wahrgenommen wurden. Die Diskrepanz zwischen dem vorliegenden Bild und der eigenen Erinnerung liegt so auch diesen Bildern zugrunde, selbstverständlich aber auch eine nostalgische Note, die ein Bild der Vergangenheit zu zeichnen bemüht ist, das im Vergleich zur Gegenwart positiv bewertet wird. Gerade die Tatsache, dass das Datum nicht genauer bestimmt wird, macht diesen Faktor bei diesen Gruppen stärker.

Andererseits sind jedoch Kategorien entstanden, die sich zwar auch mit Fotografien, Fahrzeugen und Produkten der Vergangenheit befassen, jedoch dezidiert eine Epoche hervorheben und präzise bestimmen. So bietet die Gruppe Toys 1970s-1980s eine Sammlung von Spielfiguren der in der Bezeichnung genannten Jahrzehnte. Die Ordnungsstruktur ist damit enger gefasst und damit auch aussagekräftiger als es bei den vintage Gruppen der Fall ist. Wer an den historischen Variationen der Darstellung der Figur Superman Interesse findet, wird hier Gelegenheit finden, sie mit anderen Figuren dieser zwei Jahrzehnte vergleichen zu können.

In beiden Fällen wird es jedoch möglich Mutmassungen darüber anzustellen, welche Interessen hinter der Zusammenstellung dieser Gruppe stehen und damit auch mit welchen Deutungen die Mitglieder diese Figuren oder Bilder heute belegen. Wer also die Selektionsmechanismen beachtet und etwa analysiert unter welchen Prinzipien, welche Bilder von Figuren hier ein- bzw. ausgeschlossen wurden, wird auch Theorien darüber formulieren können, wie diese Figuren von den Mitgliedern gedeutet und zu welchen Zwecken sie diese Fotografien einsetzen.

Der entscheidende Nutzen, den diese Archive bilden, liegt also nicht nur in der schnellen Verfügbarkeit vieler Fotografien und Abbildungen, sondern vor allem darin, Ordnungs- und Archivstrukturen analysieren und vergleichen zu können wie etwa zwischen vintage Gruppen und solchen mit genaueren Jahresangaben. Hat man solche Vergleiche genauer bestimmt in verschiedenen Theorien der Bildauswahl könnten dann eigene Bilddeutungen über einzelne Phänomene wie die Figur Superman überprüft, weiterentwickelt und genauer differenziert werden, weil man Aufschluss darüber gewinnt, wie die eigenen Interessenslagen und -deutungen sich zu denen anderer Benutzer verhalten. Die Gruppe, die auf flickr in diesem Sinne übrigens zum Thema vintage gegründet werden müsste, hätte wohl die folgende Beschreibung: “We feature all groups, that feature pictures of vintage pictures and objects.”

Bildquelle:

1 TCM Hitchhiker. Superman. Dezember 2008 (benutzt unter Creative Commons Lizenz)

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