

Bildfähig! präsentiert den ersten Gastbeitrag, dem in Zukunft weitere folgen werden. Wir freuen uns sehr, dass Ulrike Keuper sich bereit erklärt hat, zu den bisher auf dem Blog verhandelten Texten einen Essay über einen äußerst jungen Bildtypus beizusteuern. Seine Funktion liegt in der Prophetie über eine ungewisse Zukunft, um bildlich eigene Entscheidungen - etwa über die Ernährung - zu beeinflussen.
Der achtjährigen Luisa K. wächst rasant ein Doppelkinn. In Windeseile erschlaffen ihre Augenlider und dunkle Schatten breiten sich um sie herum aus; in ihrem Blick zeichnet sich eine tiefe Enttäuschung vom Leben ab. Die Zeit zieht an ihrem Bindegewebe, bis es sich in Falten legt. Das Hautbild wandelt sich von einem pausbäckigen, prall-rosigen Teint in ein fahles, verpickeltes Gesicht einer aufgedunsenen Mittvierzigerin, das gezeichnet ist von Jahrzehnten der Maßlosigkeit und mangelnder Pflege. Aus lauter Selbstaufgabe schnitt sie irgendwann ihr schulterlanges Haar bis auf ein paar glanzlose Haarstoppel ab. Ihre Mundwinkel streben nach unten. Dort endet die Metamorphose. Luisa scheint dem vorfrühen Tod nahe.
Wir befinden uns in der Doku-Soap Liebling, wir bringen die Kinder um!, in der fettleibigen Familien ein gesünderer Lebensstil anerzogen werden soll. Eine zentrale erzieherische Rolle spielt dabei die mediale Verwandlung eines aktuellen Portraitfotos des adipösen Kindes, welches der Mutter dessen Zukunft vorführen soll: In diesem Moment noch liebreizend-pummelig, wird aus Luisa im Zeitraffer – das computergestützte Morphing-Verfahren macht es möglich – eine Schreckensvision einer Vierzigjährigen. „Auf Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen und mit Unterstützung einer Phantombildzeichnerin und Expertin für den menschlichen Alterungsprozess“, wie die verantwortliche Software-Agentur auf ihrer Internetseite versichert. Luisas Mutter – sie bricht beim Anblick der Morphing-Sequenz in Tränen aus – wird eindrücklich offenbart, wie ihre Tochter in gut dreißig Jahren aussehen wird, wenn sie sich weiterhin so schlecht ernährt und sich nicht häufiger bewegt.
Warum aber verzweifelt die Mutter derart über Bilder, die etwas rein Potentielles zeigen? Während das hergebrachte Morphing-Verfahren zwei vorhandene Bilder in einer Animation nahtlos ineinander übergehen lässt, ist hier die Portraitphotographie der achtjährigen Tochter die einzig existierende Abbildung; alle weiteren Bilder, die daraus entstehen, sind Teil einer Simulation und verhehlen dies auch nicht. Luisas vierzigjährige Version ist so stark ins Monströse überzeichnet, dass sie eindeutig als Gedankenspiel gekennzeichnet ist. Und doch: Auch das Schlussbild, wie alle vorangehenden, wurzelt in einer realen Fotografie, die als „Spur des Lebens“ (Roland Barthes) wahrgenommen wird. Ohne diese würden sie nicht existieren – so weit sie auch von dem Urbild entfernt sein mögen.
Vielleicht ist die Mutter auch deshalb besonders erschüttert, weil sie bei der Transformation ihrer Tochter in ein Monster Augenzeuge ist. Die Dramaturgie der ineinander zerfließenden Bilder nur eine Sprache: diese Metamorphose geschieht genau so und muss im letzten Bild enden. Das Vorher und das Nachher existieren nie zusammen, wie bei herkömmlichen Vorher-Nachher-Bildern. Die Unmöglichkeit, diesen Prozess durch Vergleich von simultanen Bildern gedanklich in die andere Richtung führen zu können, unterstreicht dramatisch die Unausweichlichkeit von Luisas Schicksal.
Nun folgt es der Logik der Sendung, dass sie nicht nur dieses Szenario anbietet. Eine derart beweiskräftige Prophetie hätte nur zur Folge, dass die Mutter resigniert und den Lebensstil beibehält, den sie der Tochter vorlebt – dass sie ihr Kind „umbringt“, erschiene dann die letzte Konsequenz. Nein, es ist nur augenscheinlich, dass auf den abschreckenden, destruktiven Impuls des worst case die positiv gesteuerte Motivation folgen muss: die Ernährungsberaterin zeigt der am Boden zerstörten Mutter, was die Zukunft auch bereithalten könnte – wenn sie ihr Leben und das ihrer Tochter umgestaltet. Wieder beginnt die Verwandlung mit dem Bild der achtjährigen Luisa, aber enden wird es dieses Mal endet es in der Vision einer attraktiven Karrierefrau. Kein Anzeichen von Übergewicht oder Misserfolg trübt ihr zufriedenes Gesicht. Statt Kurzhaar-Bürstenschnitt wellen sich ihre Haare nun zu einer blonden Hollywood-Fönfrisur. Auch dieses Bild stellt seine Unwirklichkeit zur Schau. Die einzelnen Strähnen wie auch Partien des Gesichts verwischen sich in einem leichten Sfumato – ganz so, als wolle sich das Bild auf keine klare Kontur festlegen.
Dass Luisa am Ende des negativen Morphings so miserabel dreinschaut, während sie in der besseren Version glücklich strahlt, folgt der Ikonographie der Vorher-Nachher-Bilder, wie sie massenweise in Internet und Illustrierten auftreten. In Geschichten rund ums Abnehmen scheinen sie ihren genuinen Gegenstand gefunden zu haben: Mit bestechender Evidenz und bilddialektischer Überspitzung beweisen sie, dass die Gewichtsabnahme, dass das Nachher möglich ist. Bereits mit den klassischen Vorher-Nachher-Bildern verbindet sich ein Gestus, der zur Umsetzung von guten Vorsätzen bewegen soll. In Abnehm-Sendungen wie Liebling, wir bringen die Kinder um! erfährt jedoch das klassische Vorher-Nachher eine Verschärfung seiner rhetorischen Überzeugungskraft: Während in Illustrierten und Internet-Blogs in der Regel der ganze Körper gezeigt wird, beschränkt sich die TV-Morphing-Simulation auf das Gesicht – obwohl der Körper doch viel deutlicher die Auswirkungen einer Gewichtszunahme zeigen würde. Doch für die Inszenierung des Morphings in der Doku-Soap ist die Konzentration auf das Gesicht entscheidend: in ihm manifestiert sich schließlich am deutlichsten der Charakter, der von der Gewichtszunahme bzw. -abnahme mitgeformt wird. Das Morphing des Gesichts birgt viel mehr erzählerisches Potential und Raum zur Überzeichnung – was auch voll ausgeschöpft wird: welcher Zusammenhang zum Beispiel besteht zwischen der Frisur und dem Körpergewicht Luisas?
Während die herkömmlichen Vorher-Nachher-Bilder glaubwürdig eine Transformation des Fleisches dokumentieren, funktionieren Morphing-Sequenzen viel komplexer: Sie überschreiten ontologische Grenzen, wenn sich nicht das Fleisch selbst, sondern seine Abbildung transformiert – dabei aber eine Verformung des Fleisches suggeriert wird. Auf dieser Täuschung basiert auch die digitale Retusche in der Modefotografie, die das Bild zu höchstmöglicher Schönheit drechselt und in diesem Bestreben Beine länger werden lässt, Hautoberflächen poliert und die Farbe einer Iris intensiviert. Abbildungen schöner Menschen werden zu Bastarden aus Fleisch und Bild, so dass man sich fragt, auf welcher Ebene jene Hautpartie liegt: auf dem abgebildeten Gesicht oder auf der medialen Oberfläche (des Bildschirms beziehungsweise des Hochglanzpapiers)? Die Oberfläche löst sich durch die Bildbearbeitung also von seinem ursprünglichen Träger und überbietet ihn in seinen Gestaltungsmöglichkeiten. So wandelt sich in Luisas Morphing-Sequenz freilich nicht Luisa selbst, sondern ihr Abbild. Dabei verschmelzen Objekt und Medium untrennbar zu einem hybriden Etwas: das abgebildete Fleisch wird verwoben mit einer digital erzeugten Textur, die hier und dort das ursprüngliche Material durchscheinen lässt, es aber immer stärker überlagert, bis sie das Bild fast vollständig verdeckt. Anders gesagt: Das Nachher dieser Morphing-Sequenz existiert nur im Medium. Und darin liegt seine Stärke.
Schier unbegrenzt sind die Möglichkeiten einer rein medialen Transformation, die die Formung des materiellen Körpers weit überragen – aber ebenso drohend die Peinlichkeit eines zu offensichtlichen Täuschungsversuchs. Auch das Bild von Luisa wandelt sich von einem „echten“ Abbild zu einem offensichtlich digital manipulierten Bild: Ihre Pickel scheinen eher von einem Airbrush-Tool auf ihr Gesicht gezaubert, als natürlich gewachsen. Man könnte meinen, das Bild lege es darauf an, künstlich zu erscheinen. Während eine solche Offenlegung der Manipulation in der Modefotografie vermieden wird, macht sich dieses besondere Vorher-Nachher-Szenario seine Künstlichkeit zum Komplizen, denn erst durch sie erreicht es eine Bildlichkeit, die Abbildhaftigkeit negiert. Die falschen Pickel erscheinen deshalb so falsch, weil sie eine artifizielle Bildlichkeit markieren müssen.
Das gleiche gilt für das positive Szenario: Mühelos transzendiert es die defizitäre Körperlichkeit des Abgebildeten, um in einem reinen, einem erschaffenen Bild zu münden. Dieses akkumuliert all das ästhetische Potential der Person, das im Ursprungsbild angelegt ist und wird in den Raum der Möglichkeiten gehoben, von wo aus es als visuell konkret gewordenes Wunsch- und Vorbild wirkt. Es ist bildgewordene Sehnsucht und als solches muss es notgedrungen seine künstliche Genese offen legen – damit es als Möglichkeit überzeugt. Das simulierte Zukunftsbild erst pflanzt dieses Potential in das Ursprungsbild und damit in die abgebildete Person; ohne die Simulation bliebe es unentdeckt. Es ist die Voraussetzung dafür, dass der umgekehrte Prozess in Gang gesetzt wird: die Fleischwerdung des Bildes.
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