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Putin malt. Auch das noch, mag da der ein oder andere Reihenhausmieter stöhnen, dem gerade eine satte Nebenkostenrechnung mit russischem Gasgeruch ins Haus flatterte. Das Erstlingswerk des weltweit mächtigsten Ministerpräsidenten erzielte bei einer Auktion vor wenigen Tagen 37 Millionen Rubel, umgerechnet also 860 000 Euro. Erworben hat´s die sichtlich beglückte Galeristin Natalia Kurnikova, der Erlös mündet im sozialen Zweck. Orchestriert wurde der Ankauf durch den verzückten Jauchzer einer St. Petersburger Gouverneurin: „Wladimir Wladimirowitsch ist ein ausgezeichnetes Bild gelungen, obwohl er als Künstler gerade erst angefangen hat“.
Im grob-gestischen Pinselduktus dilettierte der Vielgelobte vor Weihnachten ein Sprossenfester auf die Leinwand. Weiße Farbtupfer mögen uns an Schneeblumen erinnern, seitlich rahmen Vorhänge das Motiv. Oben dominiert die Signatur und unten der Titel: ´Usor´, zu deutsch ´Muster´. Widersprüche keimen, bezeichnet doch der Begriff vor allem eine ungegenständliche, rein abstrakte Ausdrucksform, die gerade keine Referenznahme mehr zulässt. Auf einem Weihnachtsmarkt soll es entstanden, ja folglich als öffentliches, geradezu performatives Ereignis inszeniert worden sein. Thema war Nikolai Gogols Novelle ´Die Nacht vor Weihnachten´, zu der die russische Prominenz nach lupenreinem, demokratisch-freiem Ermessen Pinsel und Farbe anlegen durfte. Seit Jahren ein traditionell gepflegtes Gesellschaftsspiel der oberen fünf Prozent – doch niemals zuvor wurde eine auch nur vergleichbare Summe erzielt.
Sie ist auch der vorwiegende Grund für die globale Prominenz des Bildes. Denn rasch griffen eifrige Kommentatoren in das ganz große Toposarsenal – und bemühten die weite Palette ökonomischer Rekord-Komposita: -gewinn, -erlös, -summe, -versteigerung, -einspielung etc. wurden folglich als Determinativa angehängt. Die Aura des Rubels vernebelte dabei allzu oft den Blick auf das Bild. Doch liegt nicht und gerade dieser Bezug in unmittelbarer Nähe? Sollte es nicht auch um eine mögliche Wertspiegelung in der Darstellung gehen? Fühlen wir uns nicht zur Frage veranlasst, welche Bildeigenschaften überhaupt an die Euro-Millionenmarke heranführen? Warum genügt der erzielte Gewinn, um das Bild als meldungswürdig, ja als notwendig zur tausendfachen Reproduktion aufzufassen?
Im Vertrauen auf den Preis erfahren wir einen naiven Bildglauben. Niemand würde ernsthaft den Materialwert des Bildes derart hoch taxieren. Folglich durchweht ein Mehrwert das Werk und erinnert uns an den Geniekult der Romantik. Präzise fasste die jubilierende Gouverneurin Putins Genius: Obwohl dieser künstlerisch unausgebildet, ja ohne Vorwissen und -können, schlicht naiv und letztlich ganz aus sich heraus schöpfe, gelang ihm Ausgezeichnetes. Putin ist die postromantische Ausgabe eines kunstinspirierten Wesens, das nicht nur nachahmt, sondern Vollendung erreicht. Ein ungreifbares, ja unaussprechliches ´Ich-weiß-nicht-was´ leitet ihn zur Schaffenskraft an.
Vor diesem Hintergrund gewinnt der Bildtitel neuen Einfluss. Da er vieldeutig und damit generell unausdeutbar wirkt, offeriert er eine Offenheit des Bildes. Umberto Eco plädierte einst in kunstreligiösen Anwandlungen für derartige Werkformen. Sie sollten den Betrachter einladen, in einer Art prozessualer Wahrnehmung gemeinsam mit dem Produzenten das „Werk zu machen“; Putins öffentliche Maleinlage, die als Bilddokumentation durch die russischen Medien geistert, schürt den Interaktionsanreiz zwischen Herstellung und Interpretation. Vor allem aber sollten nach Eco die Deutungen unbestimmt bleiben, auf keine Formel reduziert werden und grundsätzlich in alle Richtungen streben dürfen. Folglich findet der erzielte Rubel-Rekord im Bild sein visuelles Äquivalent. Da es unausschöpflich wirkt und den Betrachter vom renaissanceangehauchten finestra aperta über Caspar David Friedrichs Fenstermotiv bis zum volkskunstgeklecksten Stillleben führen kann, legitimiert sich jeder Preis. Die Höhe erscheint als Ausweis über den Grad bildnerischer Offenheit und den genialischen Zuschnitt ihres Erschaffers. Das Gemälde führt fort, was Putins karategestähltes, nacktes und säuberlich enthaartes Körperbild in russischer Prärie einst versprach: die generell unerschöpfliche Potenz des ´nationalen Führers´.
Bildquelle 1: Natalia Kurnikova und Putins ´Usor´, siehe hier.
Textquelle: Nikolai Gogol, Die Nacht vor Weihnachten, siehe hier; Umberto Eco, Das offene Kunstwerk, siehe hier.
1 Kommentar↓
1 Iris // 22.01.2009 um 10:19
“Vor diesem Hintergrund gewinnt der Bildtitel neuen Einfluss. Da er vieldeutig und damit generell unausdeutbar wirkt, offeriert er eine Offenheit des Bildes.” - Der Titel lautet “Muster auf einem mit Reif bedeckten Fenster” - auf deutsch hätte man es vielleicht “Eisblumen” genannt. Hier wird Eco doch etwas überstrapaziert…
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