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“Meine Damen und Herren, ich stehe hier in der Geborgenheit der Gutenberg-Galaxie”. Mit diesen Worten schiebt sich 3-Sat-Moderatorin Tina Mendelsohn am Freitag, den 13.3. auf der Leipziger Messe hinter einem Bücherregal hervor. Sie tut es nicht elegant. Zu sehr will sie zeigen, dass man jetzt den Sendungstitel Kulturzeit extra beim Wort nimmt. Es geht also um Qualität, um Intellektualität, eben mal um was ganz anderes. Ihren Kopf lässt sie vom einen zum anderen Bücherstapel wippen. Sie kommt nicht umhin, ihre Stimmlage in pathetischen Subtönen zu batiken. Mendelsohn versucht sich als Anwältin des hohen Levels, ihre Sendung versteht sie als Niveaukanzlei, in der die belastete Kultur zu Gast ist und in der die Verteidigung vorbereitet werden darf.
Daher wolle man nun übers Fernsehen sprechen. Was es kann und was es nicht mehr kann, vor allem, wer oder was die eigentlichen Strippenzieher seien. Natürlich, “die Welt ist wieder zur Scheibe geworden”, auch seien wir “Menschen der Mattscheibe”, das dürfte ja alles unbestritten bleiben. Vieles war mit dem Buch anders, meint Mendelsohn. Sie retardiert das Satzende und verrät damit, dass mit dem Buch eigentlich vieles besser war. In einer MAZ erklärt der Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit nochmals McLuhan. Dass massage sowohl Botschaft als auch Körperkneten bedeutete. Vor allem aber Bewusstseinsprogrammierung, die zur Kritikarmut führe. Dann meldet sich wieder Mendelsohn: Irgendwie fühlten sich doch alle vom Dauerglotzen übernächtigt, lebten mittlerweile in einer Parallelwelt, allerorts treffe man nur noch auf Ereignisfernsehen, denn “Bilder regieren schließlich die Welt”, man sei überfordert und fliehe “in der totalen Medialisierung” von einem Reiz zum nächsten - bis hin zum “endgültigen Kollaps”. Es darf beeindrucken: Die Kulturanwältin hat die Aktenlage von ´Anders, Günther´ bis ´Baudrillard, Jean´ bemerkenswert präzise durchforstet und auf zentrale Topoi abgeklopft.
Man findet sich in der Gesprächsrunde zusammen. Neben Tina Mendelsohn sitzt der Kulturtheoretiker Norbert Bolz, der sich in eine fast schon vormoderne Schale warf und in Berlin Medienberatung lehrt. Er tritt als Mendelsohns Anwaltskollege auf. Ja, man habe ihn schon richtig verstanden, wenn man davon ausgeht, dass die Aufklärung mit dem Fernsehen gestorben sei. Im Fernsehen könne man nicht mehr argumentieren, auch nicht mehr denken. Außer in Kulturzeit extra, da ginge das natürlich noch. Bolz und Mendelsohn üben sich in Süffisanz, so wie es zwei tun, die sich blind verstehen, weil sie schon sehr lange am selben Thema dran sind. Verstohlen blinzeln sie sich die Apokalypse zu. Uwe Kammann vom Grimme-Institut und Autor Richard David Precht widersprechen entschieden, argumentieren für mehr Entspannung, Differenzierung und Kontextualisierung, führen Gegenbeispiele an und decken die Redundanz der Einwände gekonnt in historischen Vergleichen auf.
Es gehört zum Dilemma der Kulturkritik, dass sie gehört werden will. Wer sich bloß in den Randbezirken abschottet, sich hermetisch in der Peripherie verschanzt und sich unter Gleichgesinnten die Gegenwartsdiagnose bestätigt, kann nicht zur Restauration eines Ursprungszustands beitragen. Der Kulturkritiker ist darauf angewiesen, seine Botschaft zurück ins tobende Zentrum zu senden – so wie einst der junge Werther, der den Postboten täglich in den urbanen Zerfall schickte. Der kulturkritische Einwand sucht stets den Anschluss, obwohl ihm nichts lieber wäre, als ihn aufzukündigen und ganz im Ich zu versinken: “Ich kehre in mich selbst zurück, und finde eine Welt”, so Werthers sehnende Melancholie.
Hin und wieder braucht es Kommentatoren, um die Kulturkritik zu dekonstruieren oder um ihre inhärente Brüchigkeit freizulegen. Manchmal tut sie das aber auch selbst. Die Sendung mit ihren Hauptakteuren Bolz und Mendelsohn darf als Paradebeispiel gelten. Die Büchermesse wurde als heterotopisch-idyllischer Ort verklärt, an dem noch alles so ist, wie es einst war. Die Bücherregale markierten die Außenwände, die von der umliegenden Kulturdepravation abschotteten. Man wähnte sich im sicheren Refigium unter Seinesgleichen, unter Ebenbürtigen und Eingeweihten. Man schimpfte auf das Fernsehen, sah in ihm die bloße Scheinwelt – und trat dennoch im Fernsehen auf. Man verfemte die Quote – und wollte doch selbst eingeschaltet werden. Man überbot sich in Distanz, und verschwieg, dass man bereits mittenrein gesendet wurde. Im seinem Schlussstatement forderte Bolz als letzte und einzige Problemlösung die „Immunität“, mit der man sich gegen „die Gewalttätigkeit der Moderne“ wohl noch behaupten könne. Überraschend lange blieb die Kamera auf ihm ruhen – es schien, als vermähle sich ihr Blick mit Norbert Bolz fazialer Fassade. Als erkannten beide, wie verdammt gut sein Porträt im 16:9-Format aussieht.
Bildquelle 1: Screenshot der Sendung, siehe hier.
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