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Im Weißen Haus hat der Hund Tradition. Jeder Präsident hatte einen. Nur Bill Clinton wollte es einmal anders machen und brachte Kater Socks mit nach Hause. Der hatte allerdings Unheilvolles zur Folge, denn schon kurz darauf kam Monica zu Besuch. Als das zwischen Bill und ihr schwierig wurde, musste nach Wegen zur Wiedererlangung der präsidialen Autorität gesucht werden. Den amourösen Spaß wollte man erst einmal nicht aufgeben - Kater Socks erschien da ungleich entbehrlicher; wenig zimperlich tauschte man ihn gegen Labrador Buddy ein: Sein treuer Blick sollte fortan Hillary und die Weltöffentlichkeit gnädig blinzeln.
Dennoch: Alle bisher dagewesenen Präsidentenhunde sind nichts gegen Bo. Was sich da vor wenigen Tagen im Garten des Weißen Hauses abspielte, vermochte eine ganze Tradition großer Herrscherbildnisse in neue Gefilde zu überführen. Obama, der Präsident, den noch heute bei jedem Schritt die Geschmeidigkeit eines Rebound-Sprungs früherer Tage durchfedert, tollte in fast exaltierter Freude hinter seinem neuen Fellknäuel her. Es umrankten ihn die drei Grazien, denen im Moment der entflammten Männerfreundschaft mitunter nur die Statistenrolle blieb. Dutzende Medienvertreter hatten sich am Rand des Geläufs zusammengeballt, sie sahen, wie Barack nach links zerrte und Bo nach rechts abbog – fast wäre es zum Sturz gekommen, doch selbst diese Kurvenlage war kein Problem; wie das Präsidentenjackett vor Euphorie aus allen Nähten zu platzen drohte, und Michelle mit sorgenvoller Miene die Unversehrtheit ihres Gemüsegartens anmahnte. Als Tochter Malia den Neuling auch mal führen durfte, guckte ihnen der Papa in gelassener Haltung hinterher: Ja, in diesem verantwortungsvollen Umgang mit dem Hund ernten die Eltern die Früchte der Erziehung.
Bo ist das knuffige Accessoir der Macht. Ein portugiesischer Wasserhund, der in früheren Generationen durchaus Heldenhaftes leistete – doch heute nach Auskunft von Tochter Sasha jeden Wasserkontakt scheut. Bo ist die Light-Version eines Repräsentationsinsignes, mit dem sich die Mächtigen seit jeher ins Bild setzen lassen und einen öffentlichen Wirkungsradius auszuweiten suchen. Wie etwa im Bildnis Kaiser Karls V., einem Ganzfigurenporträt, dem ein mächtiger englischer Wasserhund an die Seite gestellt wurde (Tizian, 1532/33, siehe hier). Aber hier schaut das Tier im ergebenen Blick zum Herrn empor, sein konditionierter Gehorsam zwingt ihm die Haltung auf; noch hält ihn der Kaiser am Halsband – doch nur ein Wink genügt, und aus dem Subordinierten bricht die Bestie.
Vielleicht hätte sich Obamas Vorgänger in ähnlicher Pose gefallen. Bekanntlich sollte mit dem Neuen vieles anders werden. Und so sänftigten sich nicht nur politische Entscheidungen, sondern auch die Bildinszenierungen. Den Machtanspruch unterstreicht Obama im Gelassenheitsgestus. Die strenge, unverrückbare Hierarchie des Bologneser Bildnisses musste einer Spielwiesenästhetik weichen. Der Hund ist nicht länger das Zertifikat des absolutistischen Herrschertums; er stieg auf zum vollwertigen, anerkannten Familienmitglied, um das sich nun alle kümmern müssen. Die angestrebte Liberalisierung auf weltpolitischem Parkett spiegelt sich im Hundebild wider. Bo will man gemeinschaftlich “Sitz!” beibringen, so wie die globale Wirtschaftskrise nur im Zusammenhalt zu bändigen ist.
Bo steht für den neuen, guten Ton. Beim Pressetermin war kein einziges Kläffen zu hören. Aber wenn man ihn hinter den Ohren krault, vernimmt man ein leises, zufriedenes Grummeln. So würde das Wuscheltierchen beim nächsten Treffen der G-20-Staaten sicherlich nicht stören, im Gegenteil: Jeder dürfte mal streicheln. Kaiser Karls muskelbepackter Machtinsigne durfte man noch nicht einmal in die Augen schauen.
Bildquelle 1: aus Der Westen, siehe hier.
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