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Angela Merkel träumt. Für Augenblicke ist das okay. Vom Bundeskanzleramt schweift ihr Blick hinaus. Erinnerungen an die Zeit davor werden wach, innere Bilder ziehen vorbei. Sie sei nicht als Kanzlerin geboren worden, erfahren wir. Aber dann kam die Wende. Beim Frisurenthema huscht ein verlegenes Lächeln über das Gesicht der Regierungschefin. Ach, waren das noch Zeiten. Damals. Doch die Tagespolitik mahnt, das Schwelgen endet mit dem verzückten Hosenanzug-Hüpfer neben Kaiser Franz bei der WM 2006. Das war ihr eigentlicher Durchbruch und der Sprung auf Platz 1 der beliebtesten Politiker.
Die Christdemokraten wollen für den Wahlkampf ins Web 2.0 – und gehen inszenatorisch doch daran vorbei: CDU.tv heißt der eigens eröffnete YouTube-Kanal und beschreibt damit programmatisch, um was es geht: Um Fernsehen im Internet, um Bewegbild im TV-Format, das nun für jedermann zu jeder Zeit verfügbar sein soll. Man führt Interviews, schaltet Berichte, gibt Einblicke in kürzlich abgehaltene Wahlkampfauftritte, dokumentiert die Einweihng von Deutschlands größtem Wahlplakat, macht also all das, was das Fernsehen schon lange kann und das Web 2.0 eigentlich zu erweitern suchte. Dabei fällt die Omnipräsenz des Generalsekretärs Ronald Pofalla besonders auf, den man offenbar für ausnehmend gewitzt im Umgang mit den Medien hält. Auffallend aber auch die Absenz der Kanzlerin – länger als einige Werbespots, die bereits für das Fernsehen produziert wurden, ist sie nicht zu sehen. Das passt zu der gewählten Gesamtstrategie, die darauf abzielt, die Autorität ihrer Macht nicht durch lästige Nahgefechte in Fußvolkhöhe beschneiden zu müssen. Wahlgeplänkel übernimmt die Leibgarde aus der Fraktion. Auf den Flickr-Seiten der einzelnen CDU-Landesverbände ist Merkel hingegen die meist abgebildete Person: Stolz sind die CDU-Ministerpräsidenten, gleich mehrere Bildchen von sich und der Chefin hochladen zu können. Die Riege der häufig als aufmüpfig und destabilisierend beschriebenen Landesvorsitzenden ordnet sich artig unter. Sie erscheinen als christdemokratische Role-Models, die für einen Kurzbesuch der Kanzlerin das gewünschte Arrangement bieten und mal den Landesvater mit großer Geste, mal den Wadenbeißer in forderster Front, meist aber den charmanten Beklatscher geben.
Umso erstaunlicher, dass Angela Merkel ein eigenes StudiVZ-Profil besitzt. Knapp 70.000 Freunde kann sie verzeichnen und ihr Fotoalbum ist reich gefüllt. Gekonnt strahlt ihre Autorität über jede dämliche Bemerkung hinweg – eine Deaktivierung der Kommentarfunktionen hätte wohl keine vergleichbaren Souveränitäts- und Gelassenheitspostulate zugelassen.
Die CDU-Kampagne im Web 2.0 verfehlt über weite Strecken die auf Mitwirkung, Aktivierung und Identitätsbildung angelegten Potenziale. Ähnlich dem SPD-Kanal wird insbesondere auf YouTube und damit auf dem am stärksten frequentierten Portal eine durchaus konservative Fernsehästhetik angewandt, die entgegen den Verlautbarungen der Jungen Union keine weitreichenden – innovativen – Interaktionsmöglichkeiten bereit stellt, im Gegenteil: Inszeniert wird eine Statik der Macht, die ihren Gewinn aus der Übertragung bestehender Formate und Strategien auf Web-2.0.-Angebote ableitet.
Überblendet man allerdings diesen Befund mit der Tatsche, dass YouTube wesentlich durch hochgeladene Musikvideos und damit durch explizite Bildformen des Fernsehzeitalters erfolgreich wurde, erscheint das gewählte Verfahren wiederum konsequent. Folglich wäre – etwas grundsätzlicher – danach zu fragen, ob es überhaupt so etwas wie eine professionell produzierte, erfolgsversprechende Ästhetik für Videoportale geben kann. Leben Parteiwahlkämpfe nicht gerade durch die Homogenität der einzelnen Repräsentationselemente? Zusätzlich muss Sorge für eine signifikante Abgrenzung gegenüber der Bild- und Darstellungskultur der Privatästheten getragen werden, um nicht in Anbiederung oder platte Gefälligkeit abzukippen.
Unterdessen atmet Angela Merkel nochmals in einer stillen Minute den Duft der Uckermark und lauscht in entrückter Kontemplation dem fernen Tosen der Fußballweltmeisterschaft. Auf dem Nachbarkanal tobt der Steinmeier ums politische Überleben. Gehör findet er kaum. Für Sekundenbruchteile schließt Merkel die Augen. In diesem Moment wäre selbst der alte Haudegen Schröder ratlos geworden.
Dass dennoch Tendenzen zu einer Adaption amateurkultureller Ausdrucksformen im Wahlkampf 2009 zu beobachten sind, wird in Kürze ein Web-2.0-Besuch bei den Grünen belegen.
Bildquelle 1: Profilpage-Ausschnitt “Angela Merkel” aus StudiVZ.
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