Bildfähig!

Über die Bilder der zeitgenössischen Kultur

Gamepad-Konservativismus

Simon Bieling · 8.09.2009 · Noch keine Kommentare · Bilddarstellung, Bildfähigkeit, Bildgegenstand

Einst wich der amerikanische Schriftsteller Ralph Waldo Emerson erschreckt vor seinen verehrten Autoren mit dem Ausruf zurück: „The originals are not originals.“ (Emerson, 1909, S. 172) Ein gleiches Schicksal ereilt heute diejenigen Bildtheoretiker, die sich zeitgenössischen Bildphänomenen näher widmen und doch auf das singuläre und seltene Bild pochen. Mit steigender Häufigkeit sind wir mit Bildphänomenen konfrontiert, die nicht zu verstehen sind, wenn nicht beachtet wird, auf welche Art, sie auf bereits existierende Bilder zurückgreifen. Sie lassen den Originalstatus zur Nebensache werden.

Ganze Teilbereiche umfassender Bildwelten stützen sich auf solche Formen rein visueller Bildkommentierung. Sportcomputerspiele etwa beruhen nicht auf dem Prinzip der Simulation, sondern vielmehr darauf, Bild-Darstellungen des Fernsehens unter veränderten Bedingungen am Computer noch einmal zugänglich zu machen. Die Spiele, die sich mit Fußball, Eishockey, Basketball oder Tennis befassen, messen sich nicht daran, ob sie etwa das Spielgeschehen gut nachvollziehen können. Die Spielsoftwares verschiedener Unternehmen konkurrieren eher darum, wie weit es ihnen gelingt, die ästhetischen Merkmale seiner Darstellung im Fernsehbild dem Zugriff per Gamepad auf besonders interessante Weise zu öffnen (vgl. etwa diesen Vergleich zwischen zwei Produkten). Erfolg wird dabei häufig mit dem Begriff des höheren Realismus beschrieben. Darunter versteht man den Grad ihrer Annäherung an das Fernsehbild. Die vermeintliche bildnerische Bescheidenheit vollzieht sich also nicht ohne Ehrgeiz. Gefordert ist, Darstellungsformen einer Liveberichterstattung möglichst nah zu kommen.

Aus diesem Grund sind Sportspiele dieser Art einer spezifischen ästhetischen Mentalität zuzuordnen. Sie repräsentieren einen Bildkonservativismus. Ihre Bescheidenheit gegenüber dem Fernsehbild und der entsprechende Umgang mit Möglichkeiten der Bildgestaltung entspricht der Definition des Konservativismus des Philosophen Michael Oakeshotts. Demnach haben Konservative eine Präferenz für das Bestehende: „Sie konzentrieren sich auf die Neigung, das, was verfügbar ist, zu nutzen und sich dessen zu erfreuen und weniger darauf sich nach etwas anderem zu sehnen oder danach zu suchen.“ (Oakeshott, 1962, S. 168)  Und genau in diesem Sinne entwerfen Sportspiele keine phantasiegesättigte Fiktionswelten, die neue Bildmöglichkeiten erschließen; vielmehr begnügen sie sich mit der möglichst weitgehenden Annäherung an bereits vorliegende Bildformen.

Doch hat dieser Bildkonservatisimus seinen Zweck und beschränkt sich nicht auf bloße technische Reproduktion. Der Reiz für den Spieler besteht sicher darin, den Eindruck zu erhalten, auf dem eigenen Computer- oder Fernsehbildschirm reales Spielgeschehen verfolgen zu können. Zugleich jedoch hat er ihr im Gegensatz zur ‘echten’ Liveübertragung die Möglichkeit, das Bild mit dem Gamepad beeinflussen zu können. Das sekundäre Bild der verehrten Sportler gehört zum Bereich seiner Macht; das primäre Bild im Fernsehen entzieht sich dagegen seiner Kontrolle. Die Chance, mit eigenen Mitteln den Bildauftritt des Stars nach eigenen Interessen zu gestalten, wird dabei dennoch, nicht zwangsläufig – wie von vielen erhofft – zur Emanzipation genutzt. So nimmt das hier gezeigte Video der CudCrew den strukturellen Bildkonservatismus des Computerspiels unmittelbar auf. Der auf YouTube in Bildtrophäen stolz präsentierte Triumph stützt sich darauf, spektakulären Torerfolgen einiger Stars der amerikanischen Eishockeyliga NHL besonders nahe zu kommen. Die Crew zieht es vor, ihre Virtuosität mit dem Gamepad umzugehen, in der Nachahmung bestehender Bilder unter Beweis zu stellen. Neuartige Bild-Möglichkeiten zu entwerfen, liegt außerhalb ihrer Ziele. Ihr spielerischer Wettbewerb verstärkt noch die Merkmale des Bild-Konservativismus, die in den Spielen zu finden sind. Die Crew nutzt sie zu einem Wettbewerb darüber, wer das Lob des Bestehenden mit höchster Nachahmungsfähigkeit zu realisieren weiß.

Mehr Informationen:
Über Ralph Waldo Emerson: siehe hier, hier und hier.
Über Michael Oakeshott: siehe hier.

Quellen:
1 Video der CudCrew, NHL Goals Remade on NHL 09 #2, upload am 16. April 2009.

Ralph Waldo Emerson, “Quotation and Originality,” in: ders. The Works of Emerson (vol. 8). Letters and Social Aims. Boston, 1909, S. 167-194,  hier.
Michael Oakeshott, “On being Conservative,” in: ders. Rationalism in Politics, Boston, 1962, S. 168-196, hier und der Aufsatz in voller Länge, hier.

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