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Aus dem Radio dudelt der belgische Sänger Milow: „ You don´t know, you don´t know / You don´t know anything about me“. Eine grüne Kleinfamilie aus dem Allgäu ruckelt mit dem Autozug nach Sylt. Man weiß: Nichts eignet sich zum Kennenlernen besser als die mitgenommene Digicam: „Ich seh´ Wasser!“, quäkt es umwelteuphorisch vom Fahrersitz – und auf der Rückbank jauchzt die Claudia verzückt „Toll, ist das schön!“. Mit Sicherheit hat sie für alle was zum Knabbern dabei und wollte zu Fahrtbeginn mit spontaner Ironie ein gutes Klima schaffen: „Wie lang dauert´s noch? Ich hab´ Durst!“.
Die Reise der Grünen ins Web 2.0 begann bereits vor Monaten. Die Europa- und Kommunalwahl stand vor der Tür, als sich der Parteivorsitzende Cem Özdemir zwischen abgestellten Loks und kreischenden Bremsen zu Wort meldete: „Uuund Klabbe: Hallo, hier isch de Dschäm, i stand grad am Boh´hof in Münschder. Do hinde fährd de Zug, wie ihr sähet“. Seither duzt man über „Kanal Grün“ alles und jeden. Kürzlich war der Cem in der Wilhelma. Zunächst wurde multikulturell und transkontinental elefantelt, ehe man einem solchen Dickhäuter genüsslich die kalte Dusche verpasste. Ein Verdacht keimt auf: Sind die Grünen etwa noch immer vom alten CDU-Feindbild angetrieben? Jedenfalls ist der Cem „wie damals als Kind“ auch heute wieder mit seinen Eltern und „ein paar grünen Freunden“ hier, um einfach mal „in Kindheitserinnerungen zu schwelgen“. Noch drei Tage zuvor war der „Cem beim VfB“ und die mitgeschleifte Brigitte stammelte - wohl angesichts der mageren schwäbischen Torausbeute - ein verlegenes„Schade!“.
Der YouTube-Auftritt der Grünen im Gardena-Design unterscheidet sich fundamental von allen anderen auf der Plattform repräsentierten Parteien. Über weite Strecken setzt man konsequent auf die Charmegeneratoren Spontaneität, Spaß an der Sache und Zufälligkeit, hält abseits des großen Treibens die kleinen Momente fest und offeriert den Blick hinter die Kulissen als Teilhabe an einer Politik der entspannten Begegnungen zwischen hier und da. Stets wackelt und raschelt die Kamera mit, wenn etwa Claudia beim Kreisverband Würzburger Grüne die lustige Bündnismoderatorin gibt - “Äh, jetzt müsst ihr noch was sagen…” - oder Cem für “unsere türkischen Freunde” den Migrationsjoker ausspielt.
Gegenüber den Spitzenkandidaten Renate Künast und Jürgen Trittin wird hingegen ein distanzierteres – geradezu konservativeres – Inszenierungsverhältnis gepflegt: Ihre Auftritte beschränken sich auf Mitschnitte gehaltener Reden und eigens geführte Kurzinterviews. Sie liefern knappe inhaltliche Positionsbestimmungen, setzen politische Fluchtpunkte und zielen mit kompakten Statements auf den politischen Gegner. Getrennt in unterschiedlichen Playlisten kann so das repräsentative Spektrum der Partei entfaltet, ihre Heterogenität als die eigentliche Identität offeriert und die Basis mit der Führung, die Bürgernähe mit dem Machtanspruch, die Reiselust mit dem Oppositionsernst koaliert werden.
Auch wenn die Grünen, gemessen an sonst üblichen Zugriffzahlen auf erfolgreiche Videos, ebenfalls unter weitestgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit ihren YouTube-Auftritt gestalten, öffnen sie die politische Bildkultur zur Selbstironie. Verschiedenste Ausdrucksformen – bis hin zu parodistischen oder comicästhetischen Beiträgen – werden im Duktus des Einmal-Ausprobierens in raschen Abständen veröffentlicht, um damit ein möglichst vielgliedriges, dynamisches und handlungsagiles Wirken zu bekunden. Wo die Christdemokraten ein konservatives, fernsehmedial adaptiertes und damit altbewährtes Konzept anwenden, suchen die Grünen nach der Aura der Avantgarde, nach einem Bruch mit dem Herkömmlichen und versprechen das durchaus grundsätzlich Andere. So wird einsichtig, dass die Parteien entgegen vielfach geäußerter Annahmen verstehen, die jeweiligen Weltbilder in ein bild- und medienästhetisches Ausdrucksrepertoire zu überführen. Vor allem scheint jeweils in ihre YouTube-Präsentation eine überzeugend abgestimmte Deckungsgleichheit von Anspruch und Umsetzung, eine Kongruenz von Inhalt und Form eingeschrieben zu sein.
Warum die FDP weniger Staat im Tonfall der Seifenoper zu begründen sucht, wird Thema des kommenden Parteienchecks sein.
Bildquelle 1: Claudia Roth auf Wahlkampftour - Autoreisezug nach Sylt, siehe hier.
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