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Es ist die wohl meistgebrauchte Gebärde der politischen Repräsentation: Wer auch immer eine Führungsrolle beansprucht, neue Themen- und Verhandlungsgebiete erschließen und generell Innovationskraft signalisieren will, deutet in Richtung Zukunft. Er bedient sich dann einer Geste, von der er sicher sein kann, dass sie in einen Raum außerhalb des Bildes hineinstößt und damit zu einem Bereich vordringt, der zwangsläufig unbestimmt bleibt – sich aber gerade dadurch zur Vieldeutigkeit aufwerten lässt.
Tatsächlich kann die richtungsweisende Geste, wie sie uns vor allem während und nach Wahlkämpfen vermehrt begegnet, auf eine beachtliche Bildgeschichte zurückblicken – wenngleich ihr dabei zwei konstituierende Elemente wegbrachen: Merkel und Westerwelle stehen weder Pferd noch Himmel zur Verfügung, um dem ausgestreckten Arm zur durchschlagenden Wirkungskraft zu verhelfen. Napoleon hingegen durfte noch beneidenswert lässig mit der Linken das wild aufbäumende Pferd in die Levade bändigen und mit der Rechten den Ritt nach ganz oben anzeigen. Auch Graf Olivares wurde von Velázquez in dynamischer Startenergie porträtiert, wobei er das Zepter auf einen Punkt im noch gewitterverhangenen Himmel richtete, der gleich dem Reiter bereits einen Aufbruch markiert.
Und dennoch wirkt der Augenblick, in dem der Wille zur Marschroutenvorgabe eine körpersprachliche Andeutung erfährt, heute nicht veraltet, im Gegenteil: Es ist eine der wenigen Gesten der Politiker, die sowohl in bewegten als auch in statischen Bildern eine Plausibilität entfalten kann. Mutet etwa das Winken ins Publikum nach gehaltenen Reden auf Parteitagen oder Wahlveranstaltungen häufig bemüht und hektisch an, so findet der politische Körper in der Richtungsanweisung eine offenbar angemessene nichtsprachliche Ausdrucksform. Merkels fingerakrobatische Pyramidenbildung in Bauchnabelhöhe bleibt dagegen ebenfalls meist indefinit – hier scheint es, als habe man aus der Not eine Tugend gemacht und eine ständig wiederkehrende Verlegenheitsgeste zum Corporate Design der Bundeskanzlerin ummünzen wollen.
Wer jedoch beim Gang zu wartenden Journalisten oder Verhandlungsräumen die Richtung weist, bedient sich einer Gebärde, die sowohl eine szenische Evidenz als auch ein bildinszenatorisches Surplus besitzt. Ob in einer Fotografie fixiert oder für einen Nachrichtenbeitrag gefilmt, stets lässt sich ihre denotative um eine konnotative Ebene erweitern, das Tatsächliche um ein Mögliches anreichen.
Horst Seehofer musste in dieser Situation abermals eine schwere Schlappe einstecken. Während sich seine Begleiter überraschend einig über den kommenden Kursverlauf präsentierten, blieb ihm nur das artige Mitlaufen. Sein leicht erzwungenes Lächeln mag bezeugen, dass ihm dieser Marsch so gar nicht passt. Horst Seehofer fühlt sich wohl gerade wie eine jener Hintergrund- und Randfiguren, die Napoleon bei seiner Alpenüberquerung folgten und die Bürden des Gepäcks zu schleppen hatten. Wer aus Bayern 42 Prozent einfährt, muss also froh sein, noch ein paar rhetorische Geschütze beisteuern zu dürfen – Königin und Königinnenmacher hätten dagegen wohl kaum Probleme, selbst zu zweit das Koalitionsross in die gewünschte Richtung zu lenken.
Bildquellen: 1, Horst Seehofer, Angela Merkel und Guido Westerwelle, aus: Welt online, siehe hier; 2, Jacques-Louis David, “Napoleons Alpenüberquerung”, 1802, siehe hier; 3, Diego Velázquez, “Reiterbildnis des Grafen Olivares”, ca. 1633, siehe hier.
Vgl. außerdem zum Thema: Simon Bieling, “Politporträts in Serie”, siehe hier.
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