Bildfähig!

Über die Bilder der zeitgenössischen Kultur

Erflogene Brüste

Daniel Hornuff · 19.11.2009 · Noch keine Kommentare · Bildfähigkeit, Bildidentität, Bildprozessualität

Finnair 1

 

Gute Nachricht für alle Selfdesigner: Die Billigfluglinie Finnair belohnt ihre treuesten Kunden mit einer Schönheits-OP. Tatsächlich können ab sofort Punkte gesammelt werden – für den Bonus-Busen müssen allerdings 3.180.000, für ein Gesichtsmeißeln sogar 4.640.000 von ihnen angespart werden. Wer die Prämiengrenze erreicht, darf angeblich mit Finnlands bekanntestem Körperplastiker rechnen: Rolf Nordström will dann Hand am Vielflieger anlegen und ihn auf eine Zeitreise ins Früher schicken. Das Flugticket als Eintrittskarte ins Reich ästhetischer Veredelung – ist das nicht ein verzweifelter Versuch ratloser Flugunternehmer?

 

Keineswegs, im Gegenteil: Der Marketingclou scheint höchst konsequent, greift er doch auf eine bereits gesetzte Strategie der Fiktionalisierung zurück. Seit Jahren steht die Flugbranche im Verdacht, die Emission der Treibhausgase überproportional zu bedienen und damit ein wesentlicher Generator eines möglichen Klimawandels zu sein. Viele Fluganbieter wendeten den Vorwurf in ein Versprechen der Nachhaltigkeit: Vielfliegern – und damit potenziellen Naturschändern – wird ein Bonusprogramm in Aussicht gestellt, mit dem das Vergehen am Weltkörper durch eine gute Handlung aufgewogen werden kann. Mittlerweile offerieren fast alle großen Airlines einen modernen Ablasshandel: Je nach Gepäckgröße und Flugkilometern kann das angehäufte Punktekonto gespendet und damit etwa Aufforstprojekte im Regenwald und andere natürliche Ressourcensicherungen unterstützt werden.

 

Doch was vielen abstrakt und zu indirekt erscheint und schnell als billige Gewissenserleichterung entschlüsselt wird, konkretisiert sich mit dem Versprechen auf die eigene Gestaltung ungleich zielgerichteter. Zwar sind auch hier riesige Strecken zu bewältigen (wage Schätzungen gehen davon aus, dass eine expandierende Brustrestauration gut 400 Economy-Flüge von Helsinki nach Hongkong erfordert) – dennoch wird eine direkte Rückkopplungsoption zwischen der angetretenen Reise und einem körperlichen Perfektibilitätswunsch in Aussicht gestellt.

 

Finnair macht einsichtig, dass zwischen einer Reise und einer Faltenstraffung keine fundamentalen Unterschiede liegen müssen: Wo viele mit der Ferne eine Abstandgewinnung vom Alltag und damit ein Zurücklassen von Durchschnittlichkeit verbinden, gestattet die ästhetische Chirurgie die Erfüllung ähnlicher Sehnsüchte. Wer sich unters Messer legt, macht schließlich Urlaub vom gewöhnlichen  Alterungs- und Verfallsprozess. Zwar nicht die Schändung der Natur, immerhin aber ein vernachlässigtes Körperbewusstsein kann somit in Teilen aufgefangen werden.

 

Die Kombination aus Flugangebot und OP-Finanzierung scheint folglich zwei wesentliche Grundbedürfnisse der westlichen Wohlstandsgesellschaft zu umklammern: Einerseits sind Wünsche nach einer örtlichen Ungebundenheit, nach einer Aufhebung lokaler Fixierungen rasch und kostengünstig zu erfüllen. Andererseits wird die Hoffnung geweckt, damit nun auch auf der Zeitachse in andere Gefilde vorzustoßen und mittlerweile entlegene Stadien zurückzuerobern. Wer wie fünfzig aussieht, sich aber wie dreißig fühlt, wird beim Start seiner Finnair-Maschine fortan in gleich zweifacher Weise den Aufbruch in eine Ferne genießen können.

 

Bildquelle 1: Ilta-Sanomat, siehe hier.

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