Bildfähig!

Über die Bilder der zeitgenössischen Kultur

Bilder aus Verlegenheit

Daniel Hornuff · 6.12.2009 · Noch keine Kommentare · Bilddarstellung, Bildenzyklopädien, Bildgegenstand, Bildidentität, Bildinszenierung, Bildrezeption

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Der Klimawandel hat ein Problem: Er ist nicht bildfähig. Tatsächlich gibt es kein einziges Bild, das eine von Menschen verursachte Erderwärmung beweisen könnte. Das ist ein schwerwiegender Nachteil für alle Umweltschützer, Nachhaltigkeitsfetischisten und Ökologieverteidiger. In einer Zeit, in der Bilder das höchste Authentizitätsversprechen tragen, sind vermeintlich dringlichste Anliegen visuell nicht zu belegen. Das führt einerseits zum Glaubwürdigkeitsverlust – erscheinen doch die vorgetragenen, aber unsichtbaren Diagnosen in einer bild- und mediengeprägten Gesellschaft vielen als verschwörerische Theorien. Andererseits entstehen aus dieser kommunikativen Notlage groteske Übersprungs- und Ersatzhandlungen: Es werden nämlich Bilder in Umlauf gebracht, die schlicht nichts zeigen, und doch alles freilegen sollen.

 

Der Eisbär etwa ist solch ein Verlegenheitsbild. Mittlerweile treiben so viele angeblich schwitzende Exemplare auf Miniaturschollen durch den Medienäther, dass man sich aufgrund ihrer Anzahl eigentlich keine Sorgen mehr um sie machen muss. Im Gegenteil: Wer die Ökonomie der Aufmerksamkeit derart auf sich bündelt, hat seinen Bildbestand auf Ewigkeit gesichert und darf mit vielfachen Hilfeleistungen rechnen. Der Eisbär ist der unbestrittene Gewinner des Klimawandels.

 

Ein anderes Beispiel: der rauchende Schlot. In den Augen vieler ist er der definitive Anti-Öko-Pimmel, ein pornografisch aufgerichtetes Glied, das permanent das Naturverbrechen ausstößt. Doch der Schlot teilt mit dem Schmuddelgemächt ein unauflösbares Dilemma: Ins Bild gesetzt bleiben beide in spürbarer Ferne. Nur die Klageschrift des guten Gewissens wird in ihnen Verfallsbeschleuniger entdecken können.

 

Viele erkennen diesen Zwiespalt – und flüchten in symbolische Überhöhungen. Brennende Erdkugeln, ein verkohlter Globus, dramatisch eingefärbte Diagramme oder in der Wüste umherstapfende Pinguine verraten, dass die Bildverlegenheit zwangsläufig in die Sackgasse des Trashs führt. Wieder andere versuchen zu schocken, zeigen also katastrophale Szenen und versehrte Körper. Doch wer mit verbrannten Tierkadavern und verschmutzten Tümpeln ernsthaft die fatale Auswirkung des großen Ganzen auf das schutzlos Kleine nachweisen will, steht dem Moralterror ungleich näher als der guten Tat.

 

In den Bildern der anmahnenden Klimaschützer äußert sich die Ungewissheit ihrer Anliegen. Regelmäßig wird auf die Unsichtbarkeit des Wandels verwiesen und an die Stelle visueller Nachweisstrategien ein ausgeprägter Wissenschaftsglaube gesetzt. Was Bilder nicht zu belegen vermögen, sollen Studien, Erhebungen und Messverfahren renommierter Institute aufwiegen. Dass sich jedoch selbst Fachkreise alles andere als einig über die Diagnosen zeigen, bringt den Umweltaktivisten in zusätzliche Nöte. Er sieht sich im Hinblick auf kommende Weltklimagipfel - auf die sich sein ganzes Handeln fokussiert - gezwungen, die Maßnahmen weiter zu verschärfen, den Befund zu radikalisieren und damit: das Weltende apokalyptisch zu prognostizieren.

 

Tatsächlich erlebte der aus dem Weltraum fotografierte Erdball in den letzten Wochen eine erstaunliche Bildkarriere. Nichts ist auf, an oder mit ihm zu identifizieren, doch alles soll aus diesem Bild sprechen: Wie eine phantomhafte Kraft zersetze das Menschenwerk diesen Körper, der zwar noch blutjung und quickfidel anzumuten scheint, in Wahrheit jedoch dem Tod ins Auge blickt.  

 

Mit der Bildlosigkeit des Klimawandels schlägt die große Stunde des digitalen Kitschs. Formelhaft werden die Anliegen der Kritiker in Bilder gegossen und durch ein Moralschleifchen erotisiert – mit ästhetischen Gefälligkeiten sollen Umdenkanreize stimuliert werden. Das Problem: Heute erfährt der Kitsch meist nur noch eine ironische Rezeption: Ein Hirschgeweih schafft zwar eine komische Distanz, längst aber keine Identität mehr. Dass sich allerdings die meisten Spitzenpolitiker zur Ironiefreiheit bekennen müssen, suggeriert vielen Klimaschützern die einmalige Chance. Die Aura der großen Möglichkeit überblendet ihre eigene Verlegenheit.

 

Bildquelle 1: Von MollyMintz.com, siehe hier.

Bildquelle 2: Plakat des Films Eine unbequeme Wahrheit - von der Greenpeace-Homepage, siehe hier.

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