Bildfähig!

Über die Bilder der zeitgenössischen Kultur

Wertverschleifer oder Bildaufwerter?

Daniel Hornuff · 17.01.2010 · Noch keine Kommentare · Bilddarstellung, Bildfähigkeit, Bildgegenstand, Bildherstellung, Bildinszenierung, Bildrezeption

7bb842488b-007f-44b4-a4b1-18af455f918c7dpicture 7b57d0e9c4-cb13-4e65-bf4d-f7709064f68a7dpicture

1666-2009                                                               seit 2010

 

Er hätte es nicht tun sollen. Schon gar nicht am Blauen Wittelsbacher. Finger weg! lautete von 1666 bis 2009 das heilige Gebot. 2010 kam es zum Gesetzesbruch. Ein Fehler, ein unheilvoller Fehler: Der Blaue Wittelsbacher wurde verschliffen, büßte 4 Karat und seine ganze Aura ein.

 

Knapp 19 Millionen Euro zahlte Lawrance Graff, ein milliardenschwerer Londoner Juwelier, 2008 für diesen Diamanten. Gemessen am Gewicht der teuerste Schatz der Welt. Ab in den Tresor oder hinter schusssicheres Glas – das hätte man erwartet, und viele hatten sich´s gewünscht. Doch Graff hatte andere Pläne, er wollte zum Autor, zum Werkvollender aufsteigen. Und so legte er Hand an, schliff und polierte sich in einschlägigen Kreisen um seinen guten Ruf, bis der Diamant flacher und etwas bläulicher als der neue ´Wittelsbacher-Graff´ der Öffentlichkeit präsentiert wurde.

 

Das war schlicht zu viel des Guten. Der Fachwelt platzte der Kragen, viele schimpften über diesen mineralistischen „Vandalismus“, andere verglichen ihn mit einem „Lutschbonbon“ und empörten sich über die „zerstörte Aura“. „Die Geschichte wird ihm nicht Recht geben“, polterte etwa der Münchner Schmuckhändler Rudolf Biehler trotzig und erinnerte sich an seinen Großvater, der – selbst schon Geschichte – diese unschätzbare Kohlenstoffmodifikation noch leibhaftig in Händen halten durfte.

 

Ein Diamant verspricht Ewigkeit. Etymologisch leitet er sich aus adámas ab – kurzum, ein Diamant ist unbezwingbar, unveränderbar, ein Original. Dass nun ausgerechnet der Blaue Wittelsbacher in offenbar schmerzhafter Weise abgewetzt wurde, verleitete den Präsidenten des Deutschen Historischen Museums Berlin, Hans Ottomeyer, zum Äußersten: Schließlich würde man die Mona Lisa ja auch nur ungern umpinseln lassen! Nun sei eben auch noch der Blaue Wittelsbacher „endgültig im Feld des ´capital investments´ angekommen“.

 

Ottomeyers Reaktion birgt symptomatisches Potenzial – immerhin bekam er den Diamanten ebenso wie die meisten Menschen nie zu Gesicht. Tatsächlich scheinen nur solche Personengruppen mit Entsetzen zu reagieren, die aus keinem direkten Erfahrungswissen heraus die Unterschiede zwischen seiner Vorher- und Nachher-Form zu beurteilen vermögen. Sie motiviert also keine Qualitätsabwägung, sondern ein ästhetisches Wertverständnis, das Graff verfeilt und zerkratzt zu haben scheint.

 

Besonders deutlich wird dies in begrifflichen Unschärfen. Wer nicht aus Anschauung zu Abwägungen gelangen kann, sondern auf Zweitverwertungen angewiesen ist, flüchtet allzu gerne in spekulative Vieldeutigkeiten und sucht das große Ganze im vermeintlich Kleinen. Zwar werden die nun „vernichteten indischen Schleiftechniken“ diskutiert, die Verwirtschaftlichungen des ideellen Guts angemahnt und einzelne Besitzerstationen des Diamanten mitunter kontrovers ins Feld geführt. Doch auf den Topos einer verschandelten Aura scheint man sich chorisch eingeschworen zu haben.

 

Dabei wäre eine entgegensetzte Lesart durchaus plausibel, ja ungleich naheliegender: Erscheint der Diamant in seiner neuen Form nicht ausgefeilter, detailreicher und farbintensiver? Entfacht er nicht mehr Feuer und ein verspielteres Funkenglitzern als in seinem bisherigen Zustand? Es sollte zu überlegen sein, ob Graff seine Nachbearbeitung womöglich über den Diamanten hinausdachte – und ihm einen ästhetischen Mehrwert verlieh, der sich in sein eigenes Abbild hinausverlängern lässt. Somit hätte Graff begonnen, eine bisher schlummernde Wirkungskraft freizupolieren. Keine Abwertung, sondern eine nochmalige Aufwertung des Blauen Wittelsbachers wäre die Folge!  

 

Abbildungen: copyright bei Christies und Courtesy of Graff, siehe hier.

Weitere Informationen: Hannes Hintermeier, Die Abschaffung der Ewigkeit, auf: FAZ-online, siehe hier.

Tags: ····

Noch keine Kommentare↓

Neuen Kommentar schreiben