Bildfähig!

Über die Bilder der zeitgenössischen Kultur

Bildfähig! Das Buch

Es überrascht: Obwohl viele der erfolgreichsten social network sites wie YouTube, flickr oder StudiVZ wesentlich mit Bildern operieren, ja eine ´neue´Massenkultur des Visuellen etabliert haben, waren gerade ihre Bilder - jedenfalls bisher - kaum Gegenstand der Analyse. Sie entgleiten nach wie vor gerade kunstwissenschaftlich geprägten Reflexionen, obwohl die Geisteswissenschaften bereits Mitte der neunziger Jahre die “ikonische Wende” diagnostizierten.

Das hier vorgestellten Publikationsprojekt widmet sich erstmalig allein den Bilderwelten dieser Plattformen. In der momentanen Klausurphase verfolgen wir das Ziel, mit fünf zentralen Thesen für ein breites Publikum eine zugängliche Bildtheorie vorzustellen, die zu einem größeren Verständnis der Bilder auf social network sites führen soll.

1. Unabhängigkeit von Bildträger und Bildobjekt


framed wild passion

Bildträger und Bildobjekte sind unabhängige, autonome Elemente.

Dem Bildträger - materialisiert im Bildschirm - kommt eine zweifache Bedeutung zu: Zum einen ist er die Bedingung der Möglichkeit, Bilder ´erscheinen´ zu lassen. Zum anderen dient er als Gebrauchs- und Benutzergrund, auf dessen Oberfläche der Betrachter über Präsenz, Absenz und - je nach Portal mit Einschränkungen verbunden - Verortung des Bildmaterials bestimmen kann. Wir gehen daher von einer grundsätzlich veränderten, medialen Voraussetzung der Bilder aus: Ihre Sichtbarkeit ist nicht an einen speziellen Träger, an einen  “Ort der Bilder” gebunden; Die damit einhergehende Dynamisierung des Bilderscheinens, verbunden mit der Notwendigkeit, als Benutzer Bilder nur mittels eines aktiven Handelns zur Sichtbarkeit zu bringen, führt zu einer Zusammenlegung von Produktion und Rezeption.

2. Inszenierung der Bilder


Infinite Flickr #232 - Is it Live or is it Memorex?

Nur wer die Modi der Bildinszenierung beherrscht, kann sein Bildmaterial in wirkungsvolle Präsentationsformen bringen.

Erst wer durch seine Bildsprache in spannungsvolle Wechselwirkungen mit dem gestalteten Umraum der Plattformen tritt, ja zusätzlich eine - sprachlich und visuell - geschickte Einbettung in den Kontext der Seite findet, kann sich gegenüber anderen Bildkonkurrenten behaupten. Die Bildfähigkeit zeigt sich damit nicht alleine in den Bildern, sondern auch im Vermögen, die richtige und angemessene Darstellungsform zu wählen. In unserer Analyse wollen wir deshalb die Entwicklung der Bildinszenierungsformen als Ergebnis eines Zusammenwirkens von Benutzern und Anbietern beschreiben.

3. Bildfähigkeit der Masse

Self-Portrait of a Self-Portrait

  The Other View

Durch das Zusammenfließen von Rezeption und Produktion entstehen massenhaft fundierte Bildkompetenzen.

Die tiefste Veränderung, die social network sites nach sich ziehen, betrifft das Zusammenfließen von Produktion und Rezeption. Bilder treten miteinander in dialogische Beziehung, Vor-Bilder werden von neuen Bildangeboten überlagert, fungieren schnell nur noch als Relikte einer abgeschlossenen Produktions- und Themenphase - und geraten dennoch nicht in Vergessenheit: mit einem Klick können sie ´reaktiviert´ und für aktuelle Tendenzen fruchtbar gemacht werden. Abgrenzungen, Neubewertungen, Bildkritiken, Assoziationen und gedankliche Anstöße zu neuen Bildsujets finden sich in Texten und dienen dazu, die Bildkompetenz weiter auszubauen, soziale Verbindungen zu fundieren und die eigenen Stärken und Qualitäten herauszustellen. Aufbauend auf diesen und weiteren Bildkommentarfunktionen hat sich eine Bildkultur entwickelt, deren Bedeutung vor allem in der sukzessiven Erhöhung einer massenhaft verbreiteten Bildfähigkeit liegt.

4. Bilder zur individuellen und kollektiven Identitätskonstitution


Tube It (The YouTube Community)

Bilder der social network sites dienen nicht der Entfremdung - die Schaffung persönlicher und gemeinschaftlicher Identitäten ist ihr wesentliches Potenzial.

Bilder können als Instrumente der Identitätskonstitution gelesen werden. Sie dienen als Verbreitungs- und Informationsmedien von Idealen und möglichen Lebensentwürfen. Entscheidend für die kollektive Identitätsbildung ist dabei, dass sich die Wirkung der Bilder nicht nur im Postulieren von Idealen und Zielen erschöpft, sonderen andererseits auch wieder zurückwirkt und Anpassungsleistungen an das Bild herausfordert. Hier schließt sich die für die kulturwissenschaftliche Forschung relevante Dimension der Plattformen an: Wer in nicht allzu ferner Zukunft dezidierte Aussagen über die heutige Verfasstheit, über die ´vergangene´ Mentalität unserer Kultur treffen möchte, wird nicht umhin kommen, in social network sites zentrale Speicher- und Archivierungsorgane zu erkennen.

5. Veränderter Bildbegriff


Dynamic Photo HDR 3.0

An die Stelle des einzelnen, orignären Bildes tritt ein gemeinschaftlich organisierter Bildprozess.

Der Bildbegriff für social network sites ist nicht als Analyse eines statischen Gebildes zu begreifen. Vielmehr muss er die dynamische Grundstruktur der Bilder, ihre - buchstäbliche - Bewegung auf dem Trägermedium detailliert verständlich machen. Es gibt, so setzen wir als These, keine Bilder mehr - sondern lediglich Bildpropzesse, an denen ein kollektives Gestalten praktiziert wird. Ein Bild im Sinne eines endgültigen und singulären Artefakts wird durch eine kontinuierliche Bildentwicklung abgelöst. Bilder dienen nicht dazu, mit ihnen eine ´letzte´ Meinung visuell zu dokumentieren, sondern sie sind Material-Reservoire für zukünftige Zugriffe. Damit würdigen wir die Bildphänomene als integrale Bestandteile einer zeitgenössischen Form der Identitätskonstitution. Nicht Entfremdung oder Entindividualisierung haben die Bilder zur Folge - sondern eine über die reine Sichtbarkeit vollzogener Aufbau persönlicher und kollektiver Identität, verbunden mit der massenhaften Aneignung erweiterter Bildfähigkeiten.